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Heißester Anwärter auf den Deutschen Buchpreis 2026
Michaela Kohlhaas: Das ist die heroische Geschichte einer Antiheldin. Michaela Kohlhaas ist die Protagonistin von Heike Geißlers gleichnamigen Roman. Sie ist stellvertretende Friedhofsverwalterin in Leipzig, etwas älter als 40 Jahre, lässt alles hinter sich und zieht los. Michaela Kohlhaas stellt sich mutig den Zuständen entgegen, sie will aber nichts erwarten. Sie beklagt, sie kritisiert, sie windet sich aus den Schlingen der bürgerlichen Gesellschaft und erntet dafür Hohn, Verachtung und Wut. Michaela Kohlhaas ist eine Gerechtigkeit liebende Person, die es weiß Übertreibung, Überspitzung und Inszenierung für sich zu nutzen, um spektakulär aufzufallen. Sie steckt nichts in Brand, entflammt aber dort, wo sie auftritt, stets ein hoffnungsvolles Feuer für eine bessere Welt. Dieser lodernden Erkenntnis ins Auge zu blicken, will jedoch niemand. Vielmehr scheint ihr zunehmend verfallenes Äußeres den Fokus von der Sache zu verrücken. Verrückt, verwildert, durchtrieben und noch viele schlimmere Worte und Zuschreibungen - das ist es, was die Menschen in ihr sehen. Entgegen allen anderen verfängt die dubiose Faszination um Michaela Kohlhaas aber bei der Ich-Erzählerin des Romans, zumindest zaghaft. Sie begegnet „der Kohlhaas“, wie sie auch im Roman benannt wird, auf dem im Südosten Leipzigs gelegenen Friedhof und begleitet sie teilweise über Chat, manchmal auch in Person auf der nicht zielgerichteten Reise der Protagonistin ins Leipziger Umland, ins Erzgebirge, aber auch wieder zurück in die Stadt. Sie teilt Gedanken und Erlebnisse mit ihr, nicht wissend, ob und was sie von Michaela Kohlhaas im Gegenzug erwarten solle. Ihre Reise treibt sie so umher, dass sie so kurz vor einem eigenen finalen Ausbruch aus ihren trägen Routinen steht. Die Entwicklung dieser zwei Persönlichkeiten und ihre Dynamik zueinander ist in den Bann ziehend. Während Michaela Kohlhaas sich von Arbeit, Wohnung und jeglichen materiellen Dingen trennt und dadurch in eine neue Beziehung mit Natur und mit der kapitalistischen Gesellschaft tritt, löst sich die Ich-Erzählerin zumindest fragmentarisch aus Familie und Verpflichtungen. Sie wird aber keine Nachahmerin oder bedingungslose Verehrerin von Michaela Kohlhaas, obwohl sie immer mehr Vertrauen in ihr gewinnt. Sie bezeichnet das Verhältnis zu ihr einmal selbst hinterfragend als Freundinnenschaft. Beide sind jeweils Anker für die andere Person, ein möglicher Rückzugsort für den eigenen zu bestreitenden Weg. Und doch kommt der Ich-Erzählerin in Heike Geißlers Roman eine ganz besondere Rolle zu: die der teilnehmenden Sagenschreiberin. Sie begleitet und dokumentiert die Geschichte Michaela Kohlhaas. Diese wird damit zur „Sagenfigur, lebend“ (S. 107). Michaela Kohlhaas hat mit der von Kleist geschaffenen Sagenfigur Michael Kohlhaas gemein, dass ihnen Unrecht angetan wurde und sie nun auf einem Rachefeldzug sind. Handelt es sich bei Kleists Novelle um ein konkretes Ereignis, das den Feldzug der Selbstjustiz lostritt, ist es in Geißlers Roman kein singuläres Geschehen. Das, was sie hat losziehen lassen, hat „tiefere und tiefere Wurzeln“ und begann „mit viel älteren Geschichten, die ihr erzählt worden waren, von denen sie gehört hatte, Geschichten, die anders hätten verlaufen können oder müssen“ (S. 35). Sie zieht auch nicht in einen persönlichen, blutigen Rachefeldzug, sondern zieht hinaus gegen die Zustände, die die Menschen zermürben und zerreiben. Michaela Kohlhaas ist eine hoffnungsvolle Figur, die wachrütteln soll, um Ungerechtigkeiten nicht weiter zu verschleppen. Sie soll auch uns ermutigen, Zustände nicht unkritisch stehen zu lassen. Der Roman ist ein Bollwerk für die Menschlichkeit; verurteilt er auch, wie die bürgerliche Gesellschaft auf die Mittellosen, Entrechteten und Obdachlosen blickt. Michaela ist eben nicht Michael. Zum Glück. „Michaela Kohlhaas, diese Überraschung, dieses Ereignis, diese mögliche Frau.“ (S. 11) Heike Geißlers Werke überraschen mich immer wieder aufs Neue, da sie inhaltlich vielfältig, trotzdem klar fokussiert auf die Sache sind. „Michaela Kohlhaas“ ist sprachlich fein und zart, aber auch schonungslos und rebellisch - eine fantastische Kombination. Für mich ein schillerndes Highlight dieses Jahr.

6. Juni 2026
Heißester Anwärter auf den Deutschen Buchpreis 2026
Michaela Kohlhaas: Das ist die heroische Geschichte einer Antiheldin. Michaela Kohlhaas ist die Protagonistin von Heike Geißlers gleichnamigen Roman. Sie ist stellvertretende Friedhofsverwalterin in Leipzig, etwas älter als 40 Jahre, lässt alles hinter sich und zieht los. Michaela Kohlhaas stellt sich mutig den Zuständen entgegen, sie will aber nichts erwarten. Sie beklagt, sie kritisiert, sie windet sich aus den Schlingen der bürgerlichen Gesellschaft und erntet dafür Hohn, Verachtung und Wut. Michaela Kohlhaas ist eine Gerechtigkeit liebende Person, die es weiß Übertreibung, Überspitzung und Inszenierung für sich zu nutzen, um spektakulär aufzufallen. Sie steckt nichts in Brand, entflammt aber dort, wo sie auftritt, stets ein hoffnungsvolles Feuer für eine bessere Welt. Dieser lodernden Erkenntnis ins Auge zu blicken, will jedoch niemand. Vielmehr scheint ihr zunehmend verfallenes Äußeres den Fokus von der Sache zu verrücken. Verrückt, verwildert, durchtrieben und noch viele schlimmere Worte und Zuschreibungen - das ist es, was die Menschen in ihr sehen. Entgegen allen anderen verfängt die dubiose Faszination um Michaela Kohlhaas aber bei der Ich-Erzählerin des Romans, zumindest zaghaft. Sie begegnet „der Kohlhaas“, wie sie auch im Roman benannt wird, auf dem im Südosten Leipzigs gelegenen Friedhof und begleitet sie teilweise über Chat, manchmal auch in Person auf der nicht zielgerichteten Reise der Protagonistin ins Leipziger Umland, ins Erzgebirge, aber auch wieder zurück in die Stadt. Sie teilt Gedanken und Erlebnisse mit ihr, nicht wissend, ob und was sie von Michaela Kohlhaas im Gegenzug erwarten solle. Ihre Reise treibt sie so umher, dass sie so kurz vor einem eigenen finalen Ausbruch aus ihren trägen Routinen steht. Die Entwicklung dieser zwei Persönlichkeiten und ihre Dynamik zueinander ist in den Bann ziehend. Während Michaela Kohlhaas sich von Arbeit, Wohnung und jeglichen materiellen Dingen trennt und dadurch in eine neue Beziehung mit Natur und mit der kapitalistischen Gesellschaft tritt, löst sich die Ich-Erzählerin zumindest fragmentarisch aus Familie und Verpflichtungen. Sie wird aber keine Nachahmerin oder bedingungslose Verehrerin von Michaela Kohlhaas, obwohl sie immer mehr Vertrauen in ihr gewinnt. Sie bezeichnet das Verhältnis zu ihr einmal selbst hinterfragend als Freundinnenschaft. Beide sind jeweils Anker für die andere Person, ein möglicher Rückzugsort für den eigenen zu bestreitenden Weg. Und doch kommt der Ich-Erzählerin in Heike Geißlers Roman eine ganz besondere Rolle zu: die der teilnehmenden Sagenschreiberin. Sie begleitet und dokumentiert die Geschichte Michaela Kohlhaas. Diese wird damit zur „Sagenfigur, lebend“ (S. 107). Michaela Kohlhaas hat mit der von Kleist geschaffenen Sagenfigur Michael Kohlhaas gemein, dass ihnen Unrecht angetan wurde und sie nun auf einem Rachefeldzug sind. Handelt es sich bei Kleists Novelle um ein konkretes Ereignis, das den Feldzug der Selbstjustiz lostritt, ist es in Geißlers Roman kein singuläres Geschehen. Das, was sie hat losziehen lassen, hat „tiefere und tiefere Wurzeln“ und begann „mit viel älteren Geschichten, die ihr erzählt worden waren, von denen sie gehört hatte, Geschichten, die anders hätten verlaufen können oder müssen“ (S. 35). Sie zieht auch nicht in einen persönlichen, blutigen Rachefeldzug, sondern zieht hinaus gegen die Zustände, die die Menschen zermürben und zerreiben. Michaela Kohlhaas ist eine hoffnungsvolle Figur, die wachrütteln soll, um Ungerechtigkeiten nicht weiter zu verschleppen. Sie soll auch uns ermutigen, Zustände nicht unkritisch stehen zu lassen. Der Roman ist ein Bollwerk für die Menschlichkeit; verurteilt er auch, wie die bürgerliche Gesellschaft auf die Mittellosen, Entrechteten und Obdachlosen blickt. Michaela ist eben nicht Michael. Zum Glück. „Michaela Kohlhaas, diese Überraschung, dieses Ereignis, diese mögliche Frau.“ (S. 11) Heike Geißlers Werke überraschen mich immer wieder aufs Neue, da sie inhaltlich vielfältig, trotzdem klar fokussiert auf die Sache sind. „Michaela Kohlhaas“ ist sprachlich fein und zart, aber auch schonungslos und rebellisch - eine fantastische Kombination. Für mich ein schillerndes Highlight dieses Jahr.
6. Juni 2026






