Dieser Drang nach Härte
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Beschreibung
Eva von Redecker legt eine neue Analyse des Faschismus vor, die unserer Gegenwart gewachsen ist.
Es geht ein
Rechtsruck
um die Welt, überall gewinnen autoritäre Kräfte an Macht und Einfluss. Und doch laufen die ewig bemühten Analogien zur Zeit des Nationalsozialismus ins Leere: Der Faschismus der Gegenwart hat eine neue Gestalt, die nicht leicht zu erkennen und noch schwerer zu erklären ist. In Redeckers
wegweisender Analyse
gewinnt sein diffuses Wesen an Kontur – und wird angreifbar. Seinen Kern verortet sie in der Beschwörung eines unbedingten Besitzanspruchs, dessen Verteidigung über Leichen geht.
Ein erhellendes und widerständiges Buch, das
Verbundenheit
gegen die um sich greifende Härte unserer Zeit stellt und Denkfreude verströmt.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin und freie Autorin. Von 2009 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität und als Gastwissenschaftlerin an der Cambridge University sowie der New School for Social Research in New York tätig. 2020/2021 hatte sie ein Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatium an der Universität von Verona inne, wo sie zur Geschichte des Eigentums forschte; 2023/2024 war sie »Metropolschreiberin Ruhr«.Eva von Redecker beschäftigt sich mit Kritischer Theorie, Feminismus, Kapitalismuskritik und Autoritarismus, sie schreibt Beiträge für u.a. »Die ZEIT«, »The Guardian« oder das »Philosophie Magazin« und ist regelmäßig in Rundfunk- und TV-Interviews zu hören. Im Schauspiel Köln richtete sie die philosophische Gesprächsreihe »Eva and the Apple« aus, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg spricht sie im »Maschinenraum der Zukunft« mit ihren Gästen über Zukunftsvisionen und Künstliche Intelligenz.Bei S. FISCHER erschienen zuletzt ihre Bücher »Bleibefreiheit«, das auf der Shortlist des NDR Sachbuchpreises stand, und »Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen« (2020) sowie ein Vorwort zur Jubiläumsausgabe der »Dialektik der Aufklärung«. Aufgewachsen auf einem Biohof, lebt sie heute im ländlichen Brandenburg.
Beiträge
“Wer plündert, wird erschossen” - Faschismus als liquidierende Phantombesitzverteidigung
Wer über den neuen Faschismus staunt, begeht im Sinne Walter Benjamins bereits einen schwerwiegenden Fehler: „Das Staunen führt in die Irre, weil es – als Staunen – unterstellt, dass das Geschehene unerwartet, unwahrscheinlich, eine Ausnahme ist.“ Eva von Redecker liefert mit ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte“ eine sehr erhellende Gegenwartsanalyse. Es geht ihr dabei nicht um eine historische Gleichsetzung, sondern darum, die Muster zu verstehen, die den neuen Faschismus begünstigen. Ich würde das Buch als eher anspruchsvoll und theoretisch sehr dicht bezeichnen. Wer aber bereit ist, sich auf die Argumentation einzulassen, wird mit vielen weiterführenden Gedanken und Ideen belohnt.
Eva von Redeckers Art zu schreiben mag ich wahnsinnig gerne. Denn bei ihren Büchern ist es eigentlich immer so, dass die in mir Denkprozesse anregen, Gedanken weiterbewegen und ich mich irgendwann innerlich angeregt mit den Seiten diskutierend wiederfinde. Dabei finde ich es – das ist aber was sehr individuelles und auch etwas fachspezifisches – oft etwas schade, dass es sich meist um sehr essayistisches Schreiben handelt, weil ich an super vielen Stellen ansetzen und noch viel tiefer reinsteigen würde. Gleichzeitig ist es gerade die Verbindung sehr unterschiedlicher Themenbereiche um ein Kernthema, die ihre Bücher gedanklich so anregend machen. Deshalb habe ich mich sehr auf ihr neues Buch "Dieser Drang nach Härte" (Reziexemplar) gefreut und zwar erst recht, weil es in diesem um das F-Wort geht und ich es total wichtig finde, wenn fundierte Diskussionen um diesen Begriff in der Öffentlichkeit zunehmen. Eva von Redecker verbindet frühere philosophische und sozialwissenschaftliche Überlegungen zum F4sch1sm.s, insbesondere auch unter Rückgriff auf die Kritische Theorie, mit dem Versuch einer Aktualisierung um herauszuarbeiten, was denn einen heutigen neuen F. ausmachen könnte. Ich finde, ihr Buch lohnt sich wirklich sehr zu lesen und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst stört mich an der Verwendung des F-Worts in der politischen Linken oft, dass es ziemlich unspezifisch als Label genutzt und zum Synonym für "politischer Feind" wird, aber oft ohne dass dabei wirklich konkrete Eigenschaften benannt werden, die man meint, wenn man vom F. spricht. Die Forschung zum Thema ist sehr heterogen, scheidet sich aber oft daran, ob man eher eine materialistisch-liberalismuskritische Perspektive einnimmt (die dann manchmal sehr holzschnittartig und verkürzt kapitalismuskritisch ist) oder eher eine, die auch Querfront-Verbindungen in den Blick nimmt, darüber aber Kapitalismuskritik außen vor lässt. Dazu kommen dann noch grundlegende Fragen, ob man den F. v.a. als was historisches begreift, ob eher die Ideologie oder die Organisationsform im Vordergrund steht usw. Das ist alles ein etwas undurchsichtiges Feld und gleichzeitig finde ich es insgesamt aber wichtig, wegen so etwas Begriffe nicht direkt zu verwerfen. Eva von Redecker taucht genau hier ein und verbindet ihr früheres Denken zu Phantombesitz und Zeitlichkeit mit Überlegungen zum F. Das führt sie auf den prägnanten Gedanken, dass der F. auf eine (liberal geprägte) Eigentumslogik angewiesen ist, bestimmte Menschen und Dinge als Eigentum begreift, die ihm verlustig zu gehen drohen und diesen Verlust mit Gewalt zu verhindern versucht bzw. jene, die dieses Eigentum vermeintlich entziehen, bestrafen will. Angenehmerweise führt diese wie ich finde sehr nötige radikale Eigentumskritik aber eben gerade nicht zu jener holzschnittartigen und reduktiven Lesart des F., in der dann Ideologie keine große Rolle mehr spielt weil sich alles ökonomisch erklären lässt. Denn die Autorin greift intensiv auf die Überlegungen von Adorno und Horkheimer zurück, führt unter Bezugnahme auf Elisabeth Young-Bruehl (die ich jetzt auch unbedingt lesen will) aus, wie Adorno und Horkheimer in den Studien zum Autoritären Charakter hinter bestimmten Einsichten aus der Dialektik wieder etwas zurückbleiben, wie aber gerade auch die Auseinandersetzung mit dem Individuum und dessen gesellschaftlicher Zurichtung und der Rolle des Ressentiments wahnsinnig wichtig ist. Dabei geht sie gerade auch auf die Funktionsweise des Ant1sem1t1smus ein. Das alles verbindet sie mit Überlegungen zum Recht und zu (Bleibe-) Freiheit und v.a. dem Verständnis von Zeitlichkeit, das sich im gegenwärtigen F. finden lässt. Da das Buch in sehr viele kleinere Kapitel aufgeteilt ist, die auch Themen wie Tech-F4sch1smus und Plattformkapitalismus und natürlich auch Maskulinismus abbilden, entsteht ein vielschichtiges Bild der Funktionsweisen dessen, was man als einen neuen F. bezeichnen könnte. Obwohl es ein Sachbuch in einem Publikumsverlag ist, sollte man deshalb durchaus Zeit einplanen, um sich darauf einzulassen und den Gedanken folgen zu können. Ich würde aber sehr empfehlen es zu tun, denn es lohnt sich. Ich habe beim Lesen an einigen Stellen auch Kritikpunkte entwickelt, wobei die aber nicht als abwehrende Kritik zu verstehen ist sondern als Punkte, an denen ich wie anfangs geschrieben gerne tiefer eingestiegen wäre, mir die Kapitel teilweise zu kurz waren, mich interessiert hätte was die Autorin zu anderen Überlegungen denkt und wie sie sie mit ihren verbinden würde. Dazu deshalb nachfolgend noch ein bisschen was, wobei hier der Disclaimer gilt: Ich hab das Buch gelesen als jemand, die sich aus der Politischen Theorie und Ideengeschichte heraus relativ systematisch mit der extr. Rechten befasst und mir ist bewusst, dass das Buch einen philosophisch-essayistischen Charakter hat und haben soll. Das ist denke ich gerade für das Assoziative auch total hilfreich. Ich hätte mir aber noch eine etwas klarere Begriffsarbeit gewünscht und bestimmte Bezüge bspw. zur breiteren F.-Forschung fehlten mir. Wie würde die Autorin ihren F.-Begriff bspw. zu den Arbeiten verorten, die F. als politische Bewegung/Strömung sehen? Wie zu denen, die den Fokus auf Ideologie legen? Die Beziehung von Elite und Masse,die Gleichzeitigkeit von Gegenmoderne und Futurismus sind alles super spannende Punkte gerade wenn es um Zeitlichkeit geht. Das spielt immer mal wieder eine Rolle, gerade auch wenn es um die "Unzeit" des F. geht, aber mich hätten dazu noch tiefergehende Überlegungen interessiert. Dass Antisemitismus explizit diskutiert wird, fand ich sehr wichtig, weil das gerade in klassischen materialistischen Ansätzen gern mal untergeht. Ich würde teilweise nicht unbedingt allen Schlussfolgerungen zustimmen, auch bspw. was eine etwaige Austauschbarkeit der durch A. ausgeschlossenen Menschen angeht, weil es dem A. ja gerade nicht darum geht bzw. er sich nicht darauf reduzieren lässt, Menschen als tatsächliche Jüdinnen:Juden anzugreifen, sondern weil :das Jüdische" für den AS eine ganz besondere Rolle einnimmt und dann eben auch Menschen unterstellt werden kann, die nur als jüdisch gelesen werden. Das ist jetzt vielleicht ohne die konkreten Passagen selbsr gelesen zu haben etwas schwer nachvollziehbar,aber ich will darauf hinaus, dass es glaube ich sehr spannend wäre, Eva von Redeckers Überlegungen mit Erkenntnissen der AS-Forschung zu kombinieren und ja, durchaus auch Kritik an linkem AS noch ernster zu nehmen. Zuletzt bin ich im Fazit darüber gestolpert, dass es dort sinngemäß heißt, man brauche vielleicht den F.-Begriff ja gar nicht unbedingt, weil den zu nutzen oft eine gewisse Aufmerksamkeitsökonomie bedient. Ich glaube definitiv, dass an dieser Kritik viel dran ist, denke aber trotzdem, dass es vielleicht weniger um ein Verwerfen des Begriffs gehen sollte als um eine fundierte Begriffsnutzung, die auch transparent macht, was genau damit umrissen werden soll. Denn schließlich schreibt ja auch die Autorin selbst ein ganzes Buch zum Thema und ganz sicher steht das F-Wort nicht nur im Untertitel, weil es schmissig klingt und sich gut verkauft. Gleichzeitig sollte man den Begriff nicht überstrapazieren. Mein Fazit also: Eva von Redecker hat einmal mehr ein wirklich lesenswertes Buch geschrieben und auch eines, das tiefer geht als zuletzt das relativ schmale (und auch sehr empfehlenswerte) "Bleibefreiheit". Durch den essayistischen Charakter lässt es sich gemessen an der Komplexität des Themas glaube ich ganz gut lesen und ich hoffe, dass es viele spannende Diskussionen lostritt. Ich jedenfalls bin einmal mehr sehr froh, ein so anregendes Buch gelesen zu haben und Eva von Redecker kann halt auch einfach toll schreiben.
Verflixung
Für mich gehört das Buch „Dieser Drang nach Härte“ der Philosophin und Autorin Eva von Redecker auch in die Kategorie der feministischen Bücher. Nicht nur, weil ihre Forschungsthemen an der Schnittstelle von Kritischer Theorie und feministischer Philosophie liegen. Oder weil eine offen lesbisch lebende Frau ist. Sondern weil ihre Analyse über den sogenannten „neuen Faschismus“ für eine feministische Reflexion des Patriarchats äußerst aufschlussreich ist. Als Philosophin geht es ihr um Kriterien und Begriffsklärung. Dabei gibt sie am Ende ihres 272 Seiten starken Buches sogar zu, dass es wahrscheinlich irrelevant ist, ob nun ein sauber geklärter „Faschismus-Begriff“ vorliegt oder nicht. Denn egal, wie man den wahnhaften Eigentumsrausch nennen mag – stoppen wird ihn das nicht. Antifaschismus muss ihrer Meinung nach sogar mehr tun, als „diesen Drang nach Härte“ zu stoppen. „Er muss sich der Welt annehmen.“ Wie genau, darauf mag sie als Philosophin eigentlich nicht im Konkreten antworten. Aber als Antifaschistin macht sie schlussendlich doch vier Vorschläge, die mindestens dazu beitragen und die mir sehr einleuchtend erscheinen. Faschismus ist laut Eva von Redecker ein durch Reflexionsausfall begünstigter Drang nach Härte, der sich als liquidierende Phantombesitzverteidigung vollzieht. Wie sie diese Definition herleitet, kann ich hier nicht wiederholen, das würde den Rahmen sprengen. Aber an einem Beispiel, bezogen auf die Lebensrealität von FINTA* sei verdeutlicht, was sie meint: Auch wenn die meisten es sich nicht vorstellen können, existiert in den Köpfen von vielen, vor allem alten und jungen Männern (Subjekt), tatsächlich die Überzeugung, dass Frauen ihretwegen existieren. Sie glauben, ein Recht „auf eine Frau zu haben“. Sie glauben, Verfügungsgewalt über die Körper von Frauen zu haben. (your body, my choice). Doch natürlich gehört jede Frau nur sich selbst – es ist also ein vermeintlicher Besitz. Ein Objekt – der „Phantombesitz“. Und Besitz muss verteidigt werden – zur Not mit Gewalt. Gegen vermeintliche Diebe (ein Abjekt /„Phantasma"), z.B. migrantische Männer („Der große Austausch“), aber auch gegen das Selbstbestimmungsrecht (Feminismus) der Frau selbst. „Phantombesitzverteidigung“. Faschistisch wird diese ideologische Unreflektiertheit, sobald sie auf Zerstörung, Auslöschung, Liquidation abzielt. Patriarchat ist Sachherrschaft und hat Frauen schon immer als Objekt behandelt. Dieser Drang nach Härte – dieser Titel löst bei mir Beklemmungen aus. Denn ich nehme Verhärtungen in mir selbst wahr und noch viel stärker in der Gesellschaft. Vor allem in der Verrohung der Sprache. Ich höre Wörter und Sätze aus dem Mund des aktuellen Bundeskanzlers, welche genau das meinen, was er sagt, und zwar „mit aller Härte“. Härte trifft besonders diejenigen, die ohnehin schon auf mehrfache Weise benachteiligt und wehrlos sind. Härte trifft vor allem FINTA* und BiPOC. Härte verletzt verbal und Härte schlägt zu. Wie oft wandelt sich männliche Unsicherheit in Aggression um und senkt die Hemmschwelle für psychische und physische Gewalt? Misogynie, die fast täglichen Femizide, die Queer- und Transfeindlichkeit, sowie die in aller Welt seit Jahrhunderten praktizierte Barbarei des Kolonialismus und der globale ökologische Kollaps, sind keine isolierten Probleme. Kapitalismus und Patriarchat sind untrennbar miteinander verknüpft. Feminismus ist kein "nice to have" um sich gegen sexistische Bro-Culture zu wehren oder Mitmenschen durch das Gendersternchen zu ärgern. Dieses Buch enthält noch so viel mehr und ich bewundere die gedankliche Arbeit, die dazu notwendig war. Es hat, trotz oder gerade wegen der Komplexität, Spaß gemacht, es zu lesen. Ich fühle mich ermächtigter und sprachlich fähiger. Es enthält sogar humoristische Einlagen, denn wenn eine Philosophin zu dem Begriff Verflixung greift, dann ist das schon sehr erheiternd. Wer wissen möchte, was es damit auf sich hat, möge das Buch bitte selbst lesen.
Beschreibung
Eva von Redecker legt eine neue Analyse des Faschismus vor, die unserer Gegenwart gewachsen ist.
Es geht ein
Rechtsruck
um die Welt, überall gewinnen autoritäre Kräfte an Macht und Einfluss. Und doch laufen die ewig bemühten Analogien zur Zeit des Nationalsozialismus ins Leere: Der Faschismus der Gegenwart hat eine neue Gestalt, die nicht leicht zu erkennen und noch schwerer zu erklären ist. In Redeckers
wegweisender Analyse
gewinnt sein diffuses Wesen an Kontur – und wird angreifbar. Seinen Kern verortet sie in der Beschwörung eines unbedingten Besitzanspruchs, dessen Verteidigung über Leichen geht.
Ein erhellendes und widerständiges Buch, das
Verbundenheit
gegen die um sich greifende Härte unserer Zeit stellt und Denkfreude verströmt.
Buchinformationen
Autorenbeschreibung
Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin und freie Autorin. Von 2009 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität und als Gastwissenschaftlerin an der Cambridge University sowie der New School for Social Research in New York tätig. 2020/2021 hatte sie ein Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatium an der Universität von Verona inne, wo sie zur Geschichte des Eigentums forschte; 2023/2024 war sie »Metropolschreiberin Ruhr«.Eva von Redecker beschäftigt sich mit Kritischer Theorie, Feminismus, Kapitalismuskritik und Autoritarismus, sie schreibt Beiträge für u.a. »Die ZEIT«, »The Guardian« oder das »Philosophie Magazin« und ist regelmäßig in Rundfunk- und TV-Interviews zu hören. Im Schauspiel Köln richtete sie die philosophische Gesprächsreihe »Eva and the Apple« aus, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg spricht sie im »Maschinenraum der Zukunft« mit ihren Gästen über Zukunftsvisionen und Künstliche Intelligenz.Bei S. FISCHER erschienen zuletzt ihre Bücher »Bleibefreiheit«, das auf der Shortlist des NDR Sachbuchpreises stand, und »Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen« (2020) sowie ein Vorwort zur Jubiläumsausgabe der »Dialektik der Aufklärung«. Aufgewachsen auf einem Biohof, lebt sie heute im ländlichen Brandenburg.
Beiträge
“Wer plündert, wird erschossen” - Faschismus als liquidierende Phantombesitzverteidigung
Wer über den neuen Faschismus staunt, begeht im Sinne Walter Benjamins bereits einen schwerwiegenden Fehler: „Das Staunen führt in die Irre, weil es – als Staunen – unterstellt, dass das Geschehene unerwartet, unwahrscheinlich, eine Ausnahme ist.“ Eva von Redecker liefert mit ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte“ eine sehr erhellende Gegenwartsanalyse. Es geht ihr dabei nicht um eine historische Gleichsetzung, sondern darum, die Muster zu verstehen, die den neuen Faschismus begünstigen. Ich würde das Buch als eher anspruchsvoll und theoretisch sehr dicht bezeichnen. Wer aber bereit ist, sich auf die Argumentation einzulassen, wird mit vielen weiterführenden Gedanken und Ideen belohnt.
Eva von Redeckers Art zu schreiben mag ich wahnsinnig gerne. Denn bei ihren Büchern ist es eigentlich immer so, dass die in mir Denkprozesse anregen, Gedanken weiterbewegen und ich mich irgendwann innerlich angeregt mit den Seiten diskutierend wiederfinde. Dabei finde ich es – das ist aber was sehr individuelles und auch etwas fachspezifisches – oft etwas schade, dass es sich meist um sehr essayistisches Schreiben handelt, weil ich an super vielen Stellen ansetzen und noch viel tiefer reinsteigen würde. Gleichzeitig ist es gerade die Verbindung sehr unterschiedlicher Themenbereiche um ein Kernthema, die ihre Bücher gedanklich so anregend machen. Deshalb habe ich mich sehr auf ihr neues Buch "Dieser Drang nach Härte" (Reziexemplar) gefreut und zwar erst recht, weil es in diesem um das F-Wort geht und ich es total wichtig finde, wenn fundierte Diskussionen um diesen Begriff in der Öffentlichkeit zunehmen. Eva von Redecker verbindet frühere philosophische und sozialwissenschaftliche Überlegungen zum F4sch1sm.s, insbesondere auch unter Rückgriff auf die Kritische Theorie, mit dem Versuch einer Aktualisierung um herauszuarbeiten, was denn einen heutigen neuen F. ausmachen könnte. Ich finde, ihr Buch lohnt sich wirklich sehr zu lesen und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst stört mich an der Verwendung des F-Worts in der politischen Linken oft, dass es ziemlich unspezifisch als Label genutzt und zum Synonym für "politischer Feind" wird, aber oft ohne dass dabei wirklich konkrete Eigenschaften benannt werden, die man meint, wenn man vom F. spricht. Die Forschung zum Thema ist sehr heterogen, scheidet sich aber oft daran, ob man eher eine materialistisch-liberalismuskritische Perspektive einnimmt (die dann manchmal sehr holzschnittartig und verkürzt kapitalismuskritisch ist) oder eher eine, die auch Querfront-Verbindungen in den Blick nimmt, darüber aber Kapitalismuskritik außen vor lässt. Dazu kommen dann noch grundlegende Fragen, ob man den F. v.a. als was historisches begreift, ob eher die Ideologie oder die Organisationsform im Vordergrund steht usw. Das ist alles ein etwas undurchsichtiges Feld und gleichzeitig finde ich es insgesamt aber wichtig, wegen so etwas Begriffe nicht direkt zu verwerfen. Eva von Redecker taucht genau hier ein und verbindet ihr früheres Denken zu Phantombesitz und Zeitlichkeit mit Überlegungen zum F. Das führt sie auf den prägnanten Gedanken, dass der F. auf eine (liberal geprägte) Eigentumslogik angewiesen ist, bestimmte Menschen und Dinge als Eigentum begreift, die ihm verlustig zu gehen drohen und diesen Verlust mit Gewalt zu verhindern versucht bzw. jene, die dieses Eigentum vermeintlich entziehen, bestrafen will. Angenehmerweise führt diese wie ich finde sehr nötige radikale Eigentumskritik aber eben gerade nicht zu jener holzschnittartigen und reduktiven Lesart des F., in der dann Ideologie keine große Rolle mehr spielt weil sich alles ökonomisch erklären lässt. Denn die Autorin greift intensiv auf die Überlegungen von Adorno und Horkheimer zurück, führt unter Bezugnahme auf Elisabeth Young-Bruehl (die ich jetzt auch unbedingt lesen will) aus, wie Adorno und Horkheimer in den Studien zum Autoritären Charakter hinter bestimmten Einsichten aus der Dialektik wieder etwas zurückbleiben, wie aber gerade auch die Auseinandersetzung mit dem Individuum und dessen gesellschaftlicher Zurichtung und der Rolle des Ressentiments wahnsinnig wichtig ist. Dabei geht sie gerade auch auf die Funktionsweise des Ant1sem1t1smus ein. Das alles verbindet sie mit Überlegungen zum Recht und zu (Bleibe-) Freiheit und v.a. dem Verständnis von Zeitlichkeit, das sich im gegenwärtigen F. finden lässt. Da das Buch in sehr viele kleinere Kapitel aufgeteilt ist, die auch Themen wie Tech-F4sch1smus und Plattformkapitalismus und natürlich auch Maskulinismus abbilden, entsteht ein vielschichtiges Bild der Funktionsweisen dessen, was man als einen neuen F. bezeichnen könnte. Obwohl es ein Sachbuch in einem Publikumsverlag ist, sollte man deshalb durchaus Zeit einplanen, um sich darauf einzulassen und den Gedanken folgen zu können. Ich würde aber sehr empfehlen es zu tun, denn es lohnt sich. Ich habe beim Lesen an einigen Stellen auch Kritikpunkte entwickelt, wobei die aber nicht als abwehrende Kritik zu verstehen ist sondern als Punkte, an denen ich wie anfangs geschrieben gerne tiefer eingestiegen wäre, mir die Kapitel teilweise zu kurz waren, mich interessiert hätte was die Autorin zu anderen Überlegungen denkt und wie sie sie mit ihren verbinden würde. Dazu deshalb nachfolgend noch ein bisschen was, wobei hier der Disclaimer gilt: Ich hab das Buch gelesen als jemand, die sich aus der Politischen Theorie und Ideengeschichte heraus relativ systematisch mit der extr. Rechten befasst und mir ist bewusst, dass das Buch einen philosophisch-essayistischen Charakter hat und haben soll. Das ist denke ich gerade für das Assoziative auch total hilfreich. Ich hätte mir aber noch eine etwas klarere Begriffsarbeit gewünscht und bestimmte Bezüge bspw. zur breiteren F.-Forschung fehlten mir. Wie würde die Autorin ihren F.-Begriff bspw. zu den Arbeiten verorten, die F. als politische Bewegung/Strömung sehen? Wie zu denen, die den Fokus auf Ideologie legen? Die Beziehung von Elite und Masse,die Gleichzeitigkeit von Gegenmoderne und Futurismus sind alles super spannende Punkte gerade wenn es um Zeitlichkeit geht. Das spielt immer mal wieder eine Rolle, gerade auch wenn es um die "Unzeit" des F. geht, aber mich hätten dazu noch tiefergehende Überlegungen interessiert. Dass Antisemitismus explizit diskutiert wird, fand ich sehr wichtig, weil das gerade in klassischen materialistischen Ansätzen gern mal untergeht. Ich würde teilweise nicht unbedingt allen Schlussfolgerungen zustimmen, auch bspw. was eine etwaige Austauschbarkeit der durch A. ausgeschlossenen Menschen angeht, weil es dem A. ja gerade nicht darum geht bzw. er sich nicht darauf reduzieren lässt, Menschen als tatsächliche Jüdinnen:Juden anzugreifen, sondern weil :das Jüdische" für den AS eine ganz besondere Rolle einnimmt und dann eben auch Menschen unterstellt werden kann, die nur als jüdisch gelesen werden. Das ist jetzt vielleicht ohne die konkreten Passagen selbsr gelesen zu haben etwas schwer nachvollziehbar,aber ich will darauf hinaus, dass es glaube ich sehr spannend wäre, Eva von Redeckers Überlegungen mit Erkenntnissen der AS-Forschung zu kombinieren und ja, durchaus auch Kritik an linkem AS noch ernster zu nehmen. Zuletzt bin ich im Fazit darüber gestolpert, dass es dort sinngemäß heißt, man brauche vielleicht den F.-Begriff ja gar nicht unbedingt, weil den zu nutzen oft eine gewisse Aufmerksamkeitsökonomie bedient. Ich glaube definitiv, dass an dieser Kritik viel dran ist, denke aber trotzdem, dass es vielleicht weniger um ein Verwerfen des Begriffs gehen sollte als um eine fundierte Begriffsnutzung, die auch transparent macht, was genau damit umrissen werden soll. Denn schließlich schreibt ja auch die Autorin selbst ein ganzes Buch zum Thema und ganz sicher steht das F-Wort nicht nur im Untertitel, weil es schmissig klingt und sich gut verkauft. Gleichzeitig sollte man den Begriff nicht überstrapazieren. Mein Fazit also: Eva von Redecker hat einmal mehr ein wirklich lesenswertes Buch geschrieben und auch eines, das tiefer geht als zuletzt das relativ schmale (und auch sehr empfehlenswerte) "Bleibefreiheit". Durch den essayistischen Charakter lässt es sich gemessen an der Komplexität des Themas glaube ich ganz gut lesen und ich hoffe, dass es viele spannende Diskussionen lostritt. Ich jedenfalls bin einmal mehr sehr froh, ein so anregendes Buch gelesen zu haben und Eva von Redecker kann halt auch einfach toll schreiben.
Verflixung
Für mich gehört das Buch „Dieser Drang nach Härte“ der Philosophin und Autorin Eva von Redecker auch in die Kategorie der feministischen Bücher. Nicht nur, weil ihre Forschungsthemen an der Schnittstelle von Kritischer Theorie und feministischer Philosophie liegen. Oder weil eine offen lesbisch lebende Frau ist. Sondern weil ihre Analyse über den sogenannten „neuen Faschismus“ für eine feministische Reflexion des Patriarchats äußerst aufschlussreich ist. Als Philosophin geht es ihr um Kriterien und Begriffsklärung. Dabei gibt sie am Ende ihres 272 Seiten starken Buches sogar zu, dass es wahrscheinlich irrelevant ist, ob nun ein sauber geklärter „Faschismus-Begriff“ vorliegt oder nicht. Denn egal, wie man den wahnhaften Eigentumsrausch nennen mag – stoppen wird ihn das nicht. Antifaschismus muss ihrer Meinung nach sogar mehr tun, als „diesen Drang nach Härte“ zu stoppen. „Er muss sich der Welt annehmen.“ Wie genau, darauf mag sie als Philosophin eigentlich nicht im Konkreten antworten. Aber als Antifaschistin macht sie schlussendlich doch vier Vorschläge, die mindestens dazu beitragen und die mir sehr einleuchtend erscheinen. Faschismus ist laut Eva von Redecker ein durch Reflexionsausfall begünstigter Drang nach Härte, der sich als liquidierende Phantombesitzverteidigung vollzieht. Wie sie diese Definition herleitet, kann ich hier nicht wiederholen, das würde den Rahmen sprengen. Aber an einem Beispiel, bezogen auf die Lebensrealität von FINTA* sei verdeutlicht, was sie meint: Auch wenn die meisten es sich nicht vorstellen können, existiert in den Köpfen von vielen, vor allem alten und jungen Männern (Subjekt), tatsächlich die Überzeugung, dass Frauen ihretwegen existieren. Sie glauben, ein Recht „auf eine Frau zu haben“. Sie glauben, Verfügungsgewalt über die Körper von Frauen zu haben. (your body, my choice). Doch natürlich gehört jede Frau nur sich selbst – es ist also ein vermeintlicher Besitz. Ein Objekt – der „Phantombesitz“. Und Besitz muss verteidigt werden – zur Not mit Gewalt. Gegen vermeintliche Diebe (ein Abjekt /„Phantasma"), z.B. migrantische Männer („Der große Austausch“), aber auch gegen das Selbstbestimmungsrecht (Feminismus) der Frau selbst. „Phantombesitzverteidigung“. Faschistisch wird diese ideologische Unreflektiertheit, sobald sie auf Zerstörung, Auslöschung, Liquidation abzielt. Patriarchat ist Sachherrschaft und hat Frauen schon immer als Objekt behandelt. Dieser Drang nach Härte – dieser Titel löst bei mir Beklemmungen aus. Denn ich nehme Verhärtungen in mir selbst wahr und noch viel stärker in der Gesellschaft. Vor allem in der Verrohung der Sprache. Ich höre Wörter und Sätze aus dem Mund des aktuellen Bundeskanzlers, welche genau das meinen, was er sagt, und zwar „mit aller Härte“. Härte trifft besonders diejenigen, die ohnehin schon auf mehrfache Weise benachteiligt und wehrlos sind. Härte trifft vor allem FINTA* und BiPOC. Härte verletzt verbal und Härte schlägt zu. Wie oft wandelt sich männliche Unsicherheit in Aggression um und senkt die Hemmschwelle für psychische und physische Gewalt? Misogynie, die fast täglichen Femizide, die Queer- und Transfeindlichkeit, sowie die in aller Welt seit Jahrhunderten praktizierte Barbarei des Kolonialismus und der globale ökologische Kollaps, sind keine isolierten Probleme. Kapitalismus und Patriarchat sind untrennbar miteinander verknüpft. Feminismus ist kein "nice to have" um sich gegen sexistische Bro-Culture zu wehren oder Mitmenschen durch das Gendersternchen zu ärgern. Dieses Buch enthält noch so viel mehr und ich bewundere die gedankliche Arbeit, die dazu notwendig war. Es hat, trotz oder gerade wegen der Komplexität, Spaß gemacht, es zu lesen. Ich fühle mich ermächtigter und sprachlich fähiger. Es enthält sogar humoristische Einlagen, denn wenn eine Philosophin zu dem Begriff Verflixung greift, dann ist das schon sehr erheiternd. Wer wissen möchte, was es damit auf sich hat, möge das Buch bitte selbst lesen.







