Verflixung
Für mich gehört das Buch „Dieser Drang nach Härte“ der Philosophin und Autorin Eva von Redecker auch in die Kategorie der feministischen Bücher. Nicht nur, weil ihre Forschungsthemen an der Schnittstelle von Kritischer Theorie und feministischer Philosophie liegen. Oder weil eine offen lesbisch lebende Frau ist. Sondern weil ihre Analyse über den sogenannten „neuen Faschismus“ für eine feministische Reflexion des Patriarchats äußerst aufschlussreich ist. Als Philosophin geht es ihr um Kriterien und Begriffsklärung. Dabei gibt sie am Ende ihres 272 Seiten starken Buches sogar zu, dass es wahrscheinlich irrelevant ist, ob nun ein sauber geklärter „Faschismus-Begriff“ vorliegt oder nicht. Denn egal, wie man den wahnhaften Eigentumsrausch nennen mag – stoppen wird ihn das nicht. Antifaschismus muss ihrer Meinung nach sogar mehr tun, als „diesen Drang nach Härte“ zu stoppen. „Er muss sich der Welt annehmen.“ Wie genau, darauf mag sie als Philosophin eigentlich nicht im Konkreten antworten. Aber als Antifaschistin macht sie schlussendlich doch vier Vorschläge, die mindestens dazu beitragen und die mir sehr einleuchtend erscheinen. Faschismus ist laut Eva von Redecker ein durch Reflexionsausfall begünstigter Drang nach Härte, der sich als liquidierende Phantombesitzverteidigung vollzieht. Wie sie diese Definition herleitet, kann ich hier nicht wiederholen, das würde den Rahmen sprengen. Aber an einem Beispiel, bezogen auf die Lebensrealität von FINTA* sei verdeutlicht, was sie meint: Auch wenn die meisten es sich nicht vorstellen können, existiert in den Köpfen von vielen, vor allem alten und jungen Männern (Subjekt), tatsächlich die Überzeugung, dass Frauen ihretwegen existieren. Sie glauben, ein Recht „auf eine Frau zu haben“. Sie glauben, Verfügungsgewalt über die Körper von Frauen zu haben. (your body, my choice). Doch natürlich gehört jede Frau nur sich selbst – es ist also ein vermeintlicher Besitz. Ein Objekt – der „Phantombesitz“. Und Besitz muss verteidigt werden – zur Not mit Gewalt. Gegen vermeintliche Diebe (ein Abjekt /„Phantasma"), z.B. migrantische Männer („Der große Austausch“), aber auch gegen das Selbstbestimmungsrecht (Feminismus) der Frau selbst. „Phantombesitzverteidigung“. Faschistisch wird diese ideologische Unreflektiertheit, sobald sie auf Zerstörung, Auslöschung, Liquidation abzielt. Patriarchat ist Sachherrschaft und hat Frauen schon immer als Objekt behandelt. Dieser Drang nach Härte – dieser Titel löst bei mir Beklemmungen aus. Denn ich nehme Verhärtungen in mir selbst wahr und noch viel stärker in der Gesellschaft. Vor allem in der Verrohung der Sprache. Ich höre Wörter und Sätze aus dem Mund des aktuellen Bundeskanzlers, welche genau das meinen, was er sagt, und zwar „mit aller Härte“. Härte trifft besonders diejenigen, die ohnehin schon auf mehrfache Weise benachteiligt und wehrlos sind. Härte trifft vor allem FINTA* und BiPOC. Härte verletzt verbal und Härte schlägt zu. Wie oft wandelt sich männliche Unsicherheit in Aggression um und senkt die Hemmschwelle für psychische und physische Gewalt? Misogynie, die fast täglichen Femizide, die Queer- und Transfeindlichkeit, sowie die in aller Welt seit Jahrhunderten praktizierte Barbarei des Kolonialismus und der globale ökologische Kollaps, sind keine isolierten Probleme. Kapitalismus und Patriarchat sind untrennbar miteinander verknüpft. Feminismus ist kein "nice to have" um sich gegen sexistische Bro-Culture zu wehren oder Mitmenschen durch das Gendersternchen zu ärgern. Dieses Buch enthält noch so viel mehr und ich bewundere die gedankliche Arbeit, die dazu notwendig war. Es hat, trotz oder gerade wegen der Komplexität, Spaß gemacht, es zu lesen. Ich fühle mich ermächtigter und sprachlich fähiger. Es enthält sogar humoristische Einlagen, denn wenn eine Philosophin zu dem Begriff Verflixung greift, dann ist das schon sehr erheiternd. Wer wissen möchte, was es damit auf sich hat, möge das Buch bitte selbst lesen.



