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Eine blassblaue Frauenschrift

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Über das Buch

Franz Werfels Novelle "Eine blassblaue Frauenschrift" entfaltet an einem einzigen Tag des Jahres 1936 das seelische Drama des Wiener Ministerialbeamten Leonidas Tachezy. Ein Brief in zarter, blassblauer Schrift von seiner einstigen Geliebten Vera fordert Hilfe für einen jüdischen Jungen, der möglicherweise sein Sohn ist. In konziser, psychologisch präziser Prosa verbindet Werfel Gesellschaftsporträt, Gewissensstudie und zeitgeschichtliche Warnung; die elegante Oberfläche der österreichischen Amts- und Salonkultur wird zur Maske moralischer Verdrängung. Werfel, 1890 in Prag geboren, gehörte zur deutschsprachigen jüdischen Literatur der untergehenden Habsburgermonarchie und schrieb aus der Erfahrung von Exil, politischer Bedrohung und religiös-humanistischer Suche. Seine Sensibilität für Schuld, Mitgefühl und historische Katastrophe prägt diese Novelle entscheidend. Die Figur des Leonidas spiegelt jene gebildete, angepasste Elite, deren Bequemlichkeit und Karrierewille angesichts des Antisemitismus versagen. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die knappe Formen mit großer ethischer Spannweite schätzen. Werfel zeigt, wie Weltgeschichte in eine private Entscheidung einbricht und wie ein scheinbar kleiner Akt der Feigheit existenzielle Bedeutung gewinnt. "Eine blassblaue Frauenschrift" ist ein stilles, scharfes Meisterstück über Erinnerung, Verantwortung und die Kosten des Wegsehens.

Editionen (29)

ISBN9788028350130
VerlagSharp Ink
Erscheinungsdatum02.12.23
Seitenzahl60

Rezensionen & Bewertungen

30 Bewertungen

6 Rezensionen

3,6

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  • wolkenwehe
    wolkenwehe

    65 Follower

    4,0

    Brillant geschriebene Erzählung. Obwohl sie im Jahr 1936 spielt, ist sie topaktuell. Ein Emporkömmling wird von seiner unrühmlichen Vergangenheit eingeholt. Erst versucht er, sie zu vertuschen, dann taktiert er, wie er mit ihr umgehen kann, ohne etwas zu riskieren. Ein Lehrstück über Karrieremenschen, denen nur ihre eigene Behaglichkeit und ihr "Gesicht" in der Öffentlichkeit wichtig ist. Als "Klassiker" hat diese Erzählung alles, was gute Unterhaltungsliteratur ausmacht: Witz, Spannung, Emotionen, gut lesbare Sprache, mit einem Anreiz zum Nachdenken.

    13. Okt. 2025

  • marielin
    marielin

    70 Follower

    4,0

    Richtig gutes Buch, von einem mir bisher ganz unbekannten Autor

    Absolut interessant, wie viel Gehalt in einem recht schmalen Buch stecken kann Es geht um Heuchelei, den schönen Schein, Lug und Trug im noblen Wien, den Beginn bzw erste deutliche Zeichen von Antisemitismus Kann ich sehr empfehlen, liest sich leicht und flüssig und steckt doch voll wichtiger Themen

    29. Apr. 2024

  • kingofmusic
    kingofmusic

    224 Follower

    5,0

    Hinter der blassen Schrift verbergen sich Abgründe „Scheußliche Sucht des Beamten, alles zu motivieren, alles zu unterbauen! Lag nicht das wahre Leben im Unvorhergesehenen, in der Eingebung der Sekunde? Hatte er, auf den Grund verderbt durch Erfolg und Wohlergehen, schon mit fünfzig Jahren verlernt, wahr zu leben?“ (S. 71) Dieses (Lese-)Jahr steht bei mir scheinbar bisher unter dem Banner „Klassiker“ – habe ich doch in den ersten 5 Monaten dieses Jahres schon den ein oder anderen gelesen bzw. bin noch dabei. Als „vor der nächsten Leserunde“-Lektüre hatte ich mir unter anderem spontan die Novelle „Eine blaßblaue Frauenschrift“ von Franz Werfel ausgewählt. Nun, die 154 Seiten stellen jetzt keine große (zeitliche) Herausforderung dar, inhaltlich war ich jedoch erstaunt, was sich hinter der blaßblauen Schrift alles verbirgt. Neben der intensiven Betrachtung von Leonida´s Innen- und Seelenleben, dass Selbigen auf Grund eines geheimnisvollen Briefes seiner ehemaligen Geliebten aus der Bahn zu werfen scheint, erfährt die geneigte Leserschaft auch etwas zur (politischen) Stimmung in Österreich des Jahres 1936, was sich nicht nur in Absätzen wie diesem widerspiegelt: „Stürmisches Wetter. Leonidas hat den Wetterbericht des Radios im Ohr. […] „Depression über Österreich. Stürmisches Wetter im Anzug.““ (S. 149) Dieses schmale Büchlein, dass mich insbesondere im 3. Kapitel teilweise an Franz Kafka denken ließ (wer wird es mir verübeln, war doch Werfel ein Freund von Kafka gewesen, auch wenn diese Novelle erst 17 Jahre nach Kafka´s Tod erschienen ist), ist auf jeden Fall eine kurzweilige, teils erheiternde, teils nachdenklich stimmende Lektüre, die ich zukünftig wohl immer mal wieder in die Hand nehmen werde. Klare Leseempfehlung! ©kingofmusic

    1. Dez. 2023

3 von 6 Rezensionen

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