Blick ins Buch

Biografien

Eine Arbeiterin

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Über das Buch

»Das ist also das Leben meiner Mutter gewesen, dachte ich, das Leben und das Alter einer Arbeiterin. Noch wusste ich nicht, dass ich dieser Aufzählung bald ein drittes Wort würde hinzufügen müssen.«

Eigentlich hatte Didier Eribon sich vorgenommen, ab jetzt regelmäßig nach Fismes zu fahren. Doch seine Mutter stirbt wenige Wochen nach ihrem Umzug in ein Pflegeheim in dem kleinen Ort in der Champagne. Wie in Rückkehr nach Reims wird dieser Einschnitt zum Ausgangspunkt für eine Reise in die Vergangenheit. Eribon rekonstruiert die von Knappheit und Zwängen bestimmte Biografie einer Frau, die an einen brutalen Ehemann gekettet blieb und sich sogar in ihren Träumen bescheiden musste. »Meine Mutter«, hält er fest, »war ihr ganzes Leben lang unglücklich.«

Didier Eribons neues Buch ist hochpolitisch: Er legt schonungslos dar, wie sehr die Politik, aber auch die Philosophie, ja wir alle die skandalöse Situation vieler alter Menschen lange verdrängt haben. Zugleich erweist er sich erneut als großer Erzähler: Anhand suggestiver Episoden und berührender Erinnerungen zeigt er, wie wichtig Familie und Herkunft für unsere Identität sind. Er kauft ein Dialekt-Wörterbuch, um noch einmal die Stimme seiner Mutter im Ohr zu haben. So entfaltet der Soziologe das Porträt einer untergegangenen Welt: des Milieus der französischen Arbeiterklasse – mit ihren Sorgen, ihrer Solidarität, ihren Vorurteilen.

Editionen (4)

ISBN9783518778661
VerlagSuhrkamp
Erscheinungsdatum12.03.24
Seitenzahl272

Rezensionen & Bewertungen

47 Bewertungen

12 Rezensionen

4,3

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  • 4,0

    Eine Auseinandersetzung mit dem Älterwerden in unserer Gesellschaft 👵

    Vor einigen Jahren betrat die Mutter von Didier Eribon ein Pflegeheim. Nach mehreren Monaten, in denen sie allmählich ihre körperliche und kognitive Autonomie verlor, mussten sich Didier Eribon und seine Brüder entschließen, sie trotz ihrer Zurückhaltung in einer medizinischen Einrichtung unterzubringen. Aber der Schock des Übertritts ins Pflegeheim war zu brutal, und nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft starb sie dort. Nach dem Tod seiner Mutter nimmt Didier Eribon die persönliche und theoretische Erkundungsarbeit wieder auf, die er nach dem Tod seines Vaters in Retour à Reims unternommen hatte. Er analysiert den Niedergang seiner Mutter, was sie dazu bringt, über Alter und Krankheit nachzudenken, über unsere Beziehungen zu älteren Menschen und zum Tod, aber auch über die Erfahrung des Alterns. Er hinterfragt auch die Bedingungen für die Aufnahme von Pflegebedürftigen. Es zeigt, dass die Erfahrung des Alterns für uns schwer vorstellbar ist, weil es sich um eine Grenzerfahrung in der westlichen Philosophie handelt, deren Gesamtheit der Konzepte auf einem Ausschluss vom Alter zu beruhen scheint. Eribon erzählt auch das Leben seiner Mutter, insbesondere die Zeiten, in denen sie Haushälterin, Arbeiterin und dann Rentnerin war, und sie in all ihrer Komplexität erfasste, von ihrer Teilnahme an Streiks bis zu ihrem obsessiven Rassismus. Er beendet diesen Part, indem er das Alter zum Stützpunkt einer Reflexion über die Politik macht: Wie könnten sich Menschen mobilisieren, die weder Mobilität noch die Fähigkeit mehr haben, zu sprechen und damit „wir“ zu sagen? Können ältere Menschen sprechen, wenn niemand für sie spricht, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen? Didier Eribon mischt erneut persönliches Zeugnis – über das Leben seiner Mutter und ihre Beziehung zu ihr – mit philosophischer und politischer Analyse über das Alter, den Tod und ihren Platz in der Gesellschaft. Es ist eine Mischung, die mir in „Rückkehr nach Reims“ sehr gut gefallen hat, und die hier wieder sehr gut funktioniert. Es gibt viele sehr starke Passagen, in denen Didier Eribon über seine Mutter und ihre Beziehung spricht, ich habe mich dort teilweise wiedererkannt. Die letzten Kapitel, wenn Eribon in philosophische Überlegungen abschweift, haben mich vielleicht weniger tangiert, aber das ändert nichts an der Qualität dieses Buches.

    3. Aug. 2024

  • veranschaulicht_
    veranschaulicht_

    63 Follower

    5,0

    Didier Eribon analysiert in seinem Essay „Eine Arbeiterin“ die sozialen Mechanismen, die das Leben seiner Mutter geprägt haben. Er zeigt, wie Klassenzugehörigkeit nicht nur ökonomische Bedingungen bestimmt, sondern auch Selbstbild, politische Haltung und soziale Bindungen. Besonders aufschlussreich fand ich, wie er das Altern seiner Mutter und seinen eigenen Umgang damit beschreibt. Ihr Körper, gezeichnet von jahrzehntelanger harter Arbeit, wird zum Symbol für die Last eines Lebens in prekären Verhältnissen. Die gesellschaftliche Unsichtbarkeit seiner Mutter, die Abhängigkeit von einem Sozialsystem, das nur das Nötigste gewährt – all das macht deutlich, wie wenig Aufstiegsgeschichten über strukturelle Realität hinwegtrösten können. Für mich ein präzises Buch über Klassismus, soziale Reproduktion, Klassenflucht und den Preis eines Lebens, das bis zum Schluss von prekärer Arbeit bestimmt wurde. Ich habe es gerne und mit uneingeschränkter Aufmerksamkeit gelesen.

    30. März 2025

  • rudolf_schmitt
    rudolf_schmitt

    71 Follower

    5,0

    „Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben“ von Didier Eribon hat bei mir mit mehrfacher Wucht gewirkt. Seine Schilderung der körperlichen und geistigen Veränderungen, die Einweisung in Krankenhäuser, der unabwendbare Umzug seiner Mutter ins Pflegeheim und schließlich ihr Tod trafen auf meine eigenen Erfahrungen damit bei meinen Eltern. Dass es sich dabei nicht nur um persönliche und damit private Schicksale handelt sondern gesellschaftlich und politisch aus beispielsweise finanziellen Gründen so gewollt ist bzw. aus finanziellen Gründen nicht genug unternommen wird, etwas daran zu ändern, arbeitet Eribon in seiner soziologischen, philosophischen und politischen Analyse heraus. Da wir alle selbst irgendwann diese Alten sein werden und Eltern haben oder hatten, die in die Pflegeheime geraten werden oder sind oder waren, sollten wir uns beizeiten oder auch nachträglich bewusst machen, was da auf uns und die Alten in unseren Familien zukommt oder bereits ereilt hat. Ohne dass sich die Teile der Gesellschaft, die noch jung genug sind, gegen das bestehende System der Pflegeeinrichtungen massiv zur Wehr setzen, wird sich vermutlich jedoch nichts ändern.

    30. März 2024

3 von 12 Rezensionen

Autorin / Autor

Über Didier Eribon

Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, ist ein französischer Soziologe, Autor und Philosoph. Sein im Original 2009 erschienenes Buch Rückkehr nach Reims (st 5313) machte ihn 2016 auch im deutschsprachigen Raum berühmt. Der autofiktionale Essay wurde als literarisches Ereignis und als Schlüsseltext zum Aufstieg des Rechtspopulismus rezipiert. 2024 wurde er für sein Werk mit dem Prix de l’Académie de Berlin ausgezeichnet.

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