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Für diesen genial komponierten Roman hat Christian Kracht 2016 den Schweizer Buchpreis erhalten. Der dreiteilige Roman ist dabei nach der strengen Dramaturgie des traditionellen Nō-Theaters aus Japan nachempfunden (Ja-ha-hyū = verheißungsvoll-beschleunigend-zügig dem Höhepunkt entgegen strebend). Also darf man sich auf ein abwechslungsreiches und abgründiges Leseerlebnis einstellen, wobei einem der Hauch der Geschichte anweht und historische Persönlichkeiten der 1930er Jahre mit den fiktiven Figuren aus der Feder des Schriftstellers in Beziehung treten. Dabei treten als Hauptakteure dieses Dramas (denn wer würde bei dem Buchtitel etwas anderes erwarten?) ein Schweizer Regisseur namens Emil Nägeli und sein Schattenzwilling, ein japanischer Künstler namens Masahiko Amakasu (welcher einer historischen Person wenigstens dem Namen nach entspricht) auf. Über die auf Seite 167 folgendes gesagt wird: Amakasu und Nägeli haben sich eben im Flur sozusagen im Traum anamnetisch beschnuppert und sich ihres wahren Seins vergewissert; üblicherweise ist dies unter ihrer Sorte Menschen in Sekundenbruchteilen erledigt und man ignoriert sich fortan; der Weg von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel zu anstrengend und grausam, um ihn mit anderen Eingeweihten teilen zu müssen. Die Toten sind unendlich einsame Geschöpfe, es gibt keinen Zusammenhalt unter ihnen, sie werden alleine geboren, sterben und werden auch alleine geboren. In dem Schreiben von Christian Kracht spürt man eine unglaubliche Schaffensfreude, die vielleicht auch in der Notwendigkeit fußt, bestimmte Dinge durch Geschichten zu fixieren und sie als durchdachte Wortgebilde in die Welt zu schicken. Manche Sätze sind von einer klaren Schönheit geprägt, manche fast verschwenderisch grausam und dann wieder nonchalant bis diffus. In diesem Roman kommt es einem so vor, als hätte der Autor sich teilweise selbst hineingelegt in sein Schreiben. Dadurch gehen manche Szenen sehr nah, wenn zum Beispiel der Emil Nägeli darüber sinniert, ob dieser Moment in seiner Kindheit, als er sich als zu alt empfand, um an der Hand des Vaters zu gehen, den Bruch der Beziehung begründete. Auch ungewöhnliche geschichtliche Fakten werden in die Handlung mit eingebaut. Denn tatsächlich gab es die Pläne einer Militärvereinigung den Schauspieler Charlie Chaplin während des Besuchs beim japanischen Premierminister zu ermorden - doch er erschien dort nicht (wo er sich stattdessen herum getrieben haben könnte, wird im Roman beschrieben). Natürlich ist dieser Roman speziell. Die Handlung springt von Europa nach Asien hin und her und die Gedankenspiele im Roman wirken oft experimentell bis surreal. Das muss man mögen, sonst ist der Roman frustrierend. Bei der Gestaltung des Endes soll sich Christian Kracht von Hölderlins "Hyperion" inspiriert gefühlt haben, aber die Zeilen aus Kapitel 13 fassen die Stimmung des gesamten Romans gut in Worte. Wem also nachfolgende Gedanken zusagen, der wird wahrscheinlich an dem Roman "Die Toten" Freude haben: "Wir sind, wie Feuer, das im dürren Aste oder im Kiesel schläft; und ringen und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft. Aber sie kommen, sie wägen Aeonen des Kampfes auf, die Augenblicke der Befreiung, wo das Göttliche den Kerker sprengt, wo die Flamme vom Holze sich löst und siegend emporwallt über der Asche, ha! wo uns ist, als kehrte der entfesselte Geist, vergessen der Leiden, der Knechtsgestalt, im Triumphe zurück in die Hallen der Sonne.“ FAZIT Da dachte ich mir, dass Christian Kracht den perfekten Roman erst noch schreiben müsste - dabei hatte ich "Die Toten" nur noch nicht entdeckt! Allein wie Anfang und Ende eine Klammer bilden, hat mich entzückt. Allerdings eine der grausamen Art, denn der Roman beginnt mit der Szene eines ritualisierten Suizid. Seid also gewarnt! Zum Schluss danke ich dem Schriftsteller für einen Rilke Moment auf Seite 159:" "Eine Kirschblüte fällt im Sterben, stirbt im Fallen, so ist es vollkommen."
19. Jan. 2026
Für diesen genial komponierten Roman hat Christian Kracht 2016 den Schweizer Buchpreis erhalten. Der dreiteilige Roman ist dabei nach der strengen Dramaturgie des traditionellen Nō-Theaters aus Japan nachempfunden (Ja-ha-hyū = verheißungsvoll-beschleunigend-zügig dem Höhepunkt entgegen strebend). Also darf man sich auf ein abwechslungsreiches und abgründiges Leseerlebnis einstellen, wobei einem der Hauch der Geschichte anweht und historische Persönlichkeiten der 1930er Jahre mit den fiktiven Figuren aus der Feder des Schriftstellers in Beziehung treten. Dabei treten als Hauptakteure dieses Dramas (denn wer würde bei dem Buchtitel etwas anderes erwarten?) ein Schweizer Regisseur namens Emil Nägeli und sein Schattenzwilling, ein japanischer Künstler namens Masahiko Amakasu (welcher einer historischen Person wenigstens dem Namen nach entspricht) auf. Über die auf Seite 167 folgendes gesagt wird: Amakasu und Nägeli haben sich eben im Flur sozusagen im Traum anamnetisch beschnuppert und sich ihres wahren Seins vergewissert; üblicherweise ist dies unter ihrer Sorte Menschen in Sekundenbruchteilen erledigt und man ignoriert sich fortan; der Weg von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel zu anstrengend und grausam, um ihn mit anderen Eingeweihten teilen zu müssen. Die Toten sind unendlich einsame Geschöpfe, es gibt keinen Zusammenhalt unter ihnen, sie werden alleine geboren, sterben und werden auch alleine geboren. In dem Schreiben von Christian Kracht spürt man eine unglaubliche Schaffensfreude, die vielleicht auch in der Notwendigkeit fußt, bestimmte Dinge durch Geschichten zu fixieren und sie als durchdachte Wortgebilde in die Welt zu schicken. Manche Sätze sind von einer klaren Schönheit geprägt, manche fast verschwenderisch grausam und dann wieder nonchalant bis diffus. In diesem Roman kommt es einem so vor, als hätte der Autor sich teilweise selbst hineingelegt in sein Schreiben. Dadurch gehen manche Szenen sehr nah, wenn zum Beispiel der Emil Nägeli darüber sinniert, ob dieser Moment in seiner Kindheit, als er sich als zu alt empfand, um an der Hand des Vaters zu gehen, den Bruch der Beziehung begründete. Auch ungewöhnliche geschichtliche Fakten werden in die Handlung mit eingebaut. Denn tatsächlich gab es die Pläne einer Militärvereinigung den Schauspieler Charlie Chaplin während des Besuchs beim japanischen Premierminister zu ermorden - doch er erschien dort nicht (wo er sich stattdessen herum getrieben haben könnte, wird im Roman beschrieben). Natürlich ist dieser Roman speziell. Die Handlung springt von Europa nach Asien hin und her und die Gedankenspiele im Roman wirken oft experimentell bis surreal. Das muss man mögen, sonst ist der Roman frustrierend. Bei der Gestaltung des Endes soll sich Christian Kracht von Hölderlins "Hyperion" inspiriert gefühlt haben, aber die Zeilen aus Kapitel 13 fassen die Stimmung des gesamten Romans gut in Worte. Wem also nachfolgende Gedanken zusagen, der wird wahrscheinlich an dem Roman "Die Toten" Freude haben: "Wir sind, wie Feuer, das im dürren Aste oder im Kiesel schläft; und ringen und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft. Aber sie kommen, sie wägen Aeonen des Kampfes auf, die Augenblicke der Befreiung, wo das Göttliche den Kerker sprengt, wo die Flamme vom Holze sich löst und siegend emporwallt über der Asche, ha! wo uns ist, als kehrte der entfesselte Geist, vergessen der Leiden, der Knechtsgestalt, im Triumphe zurück in die Hallen der Sonne.“ FAZIT Da dachte ich mir, dass Christian Kracht den perfekten Roman erst noch schreiben müsste - dabei hatte ich "Die Toten" nur noch nicht entdeckt! Allein wie Anfang und Ende eine Klammer bilden, hat mich entzückt. Allerdings eine der grausamen Art, denn der Roman beginnt mit der Szene eines ritualisierten Suizid. Seid also gewarnt! Zum Schluss danke ich dem Schriftsteller für einen Rilke Moment auf Seite 159:" "Eine Kirschblüte fällt im Sterben, stirbt im Fallen, so ist es vollkommen."
19. Jan. 2026






