Blick ins Buch

Romane

Taghaus, Nachthaus

4,2(8)
Sprache
Deutsch
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Über das Buch

»Olga Tokarczuk ist die vielleicht wichtigste polnische Schriftstellerin in der Generation der Vierzigjährigen. Der neue Roman ›Taghaus, Nachthaus‹ ist ein weiterer Beweis ihrer Ausnahmeerscheinung.« Harald Loch im ›Darmstädter Echo‹

Ein Haus in den Bergen nahe der tschechischen Grenze. Eine Ich-Erzählerin und ihre alte Nachbarin, die voller Geschichten steckt. Geschichten, die sich mit den Träumen der Erzählerin verweben und immer wieder an diesen Ort nahe der Grenze zurückfinden, wo sich Zeiten und Schicksale treffen.

»Der Roman spielt in Schlesien, also dort, wo man in der Erde Kisten mit Porzellan und Silber findet und die Gräber deutsche Inschriften tragen. Er besteht aus Notizen und Geschichten, die das vermeintlich Unvereinbare in all seiner Widersprüchlichkeit gelten lassen. Vom deutschen Adelsgeschlecht derer von Goetzen wird da erzählt, vom Altphilologen, der ein Werwolf wird, von Träumen, die irgendjemand ins Internet gestellt hat, von der Gründung des Städtchens Nowa Ruda, von Pilzen, Cannabis und von Marta, der alten Frau, die auf seltsame Weise mit Vergangenheit, Magie und Natur verbunden ist und nur in der warmen Jahreszeit zu existieren scheint. Ein Buch, in dem Historie, Mythologie, Einsicht und Erzählfreude auf höchst reizvolle Weise miteinander verschmelzen.« Die Zeit

Editionen (3)

ISBN9783423131667
Verlagdtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungsdatum01.02.04

Rezensionen & Bewertungen

8 Bewertungen

3 Rezensionen

4,2

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  • caspar
    caspar

    1 Follower

    5,0

    "Taghaus Nachthaus" ist ein grandioses Buch. Leider habe ich den Titel nicht verstanden. Nicht selten geht es mir bei poetischen Titeln bei Büchern so, und ebensowenig selten gibt es dann irgendwo eine Stelle, an der der Titel im Wortlaut benutzt wird, wo man seinen geheimen Sinn endlich verstehen soll - und dann liest man diese Stelle wieder und wieder und wieder, und man versteht's nicht, aber für das Lesen selbst ist es eigentlich auch nicht wichtig. Auch andere Dinge in diesem Roman kann man nicht verstehen. Doch wie gerne würde ich ihnen allen nachgehen! Das Ich - wieder sehr typisch für sehr viele Romane - ist natürlich eine Schriftstellerin, da kann man sich noch denken, wie Tokarczuk wohl auf eine Hauptperson gerade mit diesem Beruf gekommen ist... doch sie redet am meisten mit einer Perückenmacherin, deren Winterschlaf das geniale Schlussmotiv des Romans ist: Gibt es für so eine Figur, die so plastisch als alte, verschrobene Frau beschrieben wird, gibt es für so eine Figur, nein: kann es für so eine Figur ein reales Vorbild geben? Keine Ahnung. Menschen sind wie Pilze, das beobachtet Tokarczuk unter anderem: und schreibt dann von Giftpilzen, die man eigentlich doch essen könnte (Menschen sind also eher Giftpilze, könnte man denken, nach Tokarczuk sind sie dann irgendwie beides). Sie listet Rezepte mit diesen Giftpilzen auf. Auch hier lässt es sich fragen: Gibt es einen Realitätsbezug? Meint sie das ernst? Zumindest scheint es tatsächlich essbare Fliegenpilzsorten in der Region Polens zu geben, in der der Roman spielt...andererseits? Neben den Gesprächen der Erzählerin mit der älteren Frau über Natur, Träume, Menschen und Pilze werden viele andere Geschichten eingeflochten. Die wichtigste und ausgearbeitetste ist eine Geschlechtergrenzen überwindende Geschichte, deren erster Teil historische Hand und historischen Fuß zu haben scheint: Eine Heilige, die Heilige Kümmernis oder Heilige Wilgefortis, betete sich, weil sie nicht heiraten wollte, einen Bart herbei, sodass der ihr bestimmte Bräutigam sie verschmähen würde. Deswegen kreuzigte dann ihr Vater die Unverheiratbare, sodass sie mit Jesu Antlitz (eben einem Männergesicht) eine Märtyrerin wurde, die in christlicher Volksfrömmigkeit besonders von Frauen und noch besonderer von Frauen mit Gewalt- und Inzesterfahrungen angebetet wurde. (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/Wilgefortis.html) Der zweite Teil der Geschichte ist wohl von Tokarczuk hinzuerdacht worden: Ein Mönch im Mittelalter, der eine Frau werden will, entdeckt die Geschichte der Heiligen Kümmernis und erzählt diese weiter. Transgenderthemen und problematische Geschlechtergrenzen werden so völlig neu erzählt. Und dann gibt es noch viele kleinere, konkretere Bezüge und Motive: Des griechischen Philosophen Anaximanders Schöpfungsmythos wird nacherzählt - im Interesse der kosmologischen Spekulation, der es Tokarczuk ähnlich schon wie bei der Heiligengeschichte die christliche Tradition angetan hat. Eine absurde Grenzanekdote berichtet, dass ein '45 geflohener Deutscher sich später seine Heimat wieder anschaut und in Erinnerung ans jugendliche Bergwandern sich selbst überschätzt, sodass er dann stirbt - direkt auf der tschechisch-polnischen Grenze wird er von den Beamten des einen Staates in den anderen, und von den dortigen wieder zurückgeschoben. Es wird sich ans sozialistische Polen zurückgedacht: Ein Ausflug nach Oswiecim ist nicht wegen der dortigen Auschwitz-Gedenkstätte einer Protagonistin in Erinnerung geblieben, sondern weil es dort Speiseöl ohne Bezugsscheine oder Kaufbeschränkung gab. Schließlich: Ein Protagonist wird nicht mit seinem Namen bedacht, sondern schlicht und ergreifend: Herr Soundso genannt. Alles ist mit Geschmack komponiert, wohldosiert, verwoben und kontrastiert. Kurz: Literatur, keine Ansichtskarte. "Die Erinnerung schafft Ansichtskarten, aber begreift nichts von der Welt. Deswegen passt sich die Landschaft der Stimmung des Betrachters so gut an. Der Mensch erblickt in der Landschaft den inneren, vergänglichen Augenblick. Überall sieht er nur sich. Und sonst nichts." (Tokarczuk, Taghaus Nachthaus)

    28. Sept. 2022

  • pauline64
    pauline64

    1 Follower

    5,0

    Habe eben den Roman "Taghaus, Nachthaus" der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk beendet. #olgalesen "Wenn ich kein Mensch wäre, wäre ich ein Pilz. Ein gleichgültiger, gefühlloser Pilz mit kalter, glatter Haut, fest und zart zugleich. Ich würde auf umgestürzten Bäumen wachsen, düster und unheilvoll und immer in völliger Stille würde ich mit gespreizten Pilzfingern die letzten Reste Sonne aus ihnen saugen." Motive wie Pilze, Häuser, Schlaf und Träume ziehen sich durch den Roman, verbinden die einzelnen Personen miteinander. Trotzdem bleibt vieles an den häufig traurigen Erzählungen von und über die Menschen in Nowa Ruda ("Heute polnisch, war das Städtchen früher deutsch, tschechisch, davor österreichisch-ungarisch. Hier, in der Mitte Europas, wo sich Grenzen verschieben und Sprachen kommen und gehen, sind Menschen in Häuser eingezogen, in denen noch alte Fotoalben in den Schubladen liegen.") unverständlich und offen: Geschlecht, Geschichte, Mythos haben ihre Auftritte in Form von Figuren, die vielleicht kein Geschlecht haben, Werwölfe sind oder Winterschlaf halten. An "Taghaus, Nachthaus" haftet ein wenig magischer Realismus; man muss die Dinge so hinnehmen, wie sie geschildert werden. Der Roman macht sehr viel Lust darauf, weiter in Tokarczuks Werk zu lesen; die Ausgabe vom Kamps Verlag ist außerdem schön anzusehen.

    26. Jan. 2023

  • jari
    jari

    56 Follower

    3,0

    Auch wenn dieser Titel nicht mein Lieblingswerk der Autorin ist, so strahlt es doch auf jeder Seite den typischen Tokarczuk-Vibe aus. Und genau deswegen liebe ich auch dieses Buch. Die Geschichten, die wir hier lesen, sind alle miteinander verbunden. Wie ein grosser Wald. Die Erzählstimme hört sich an wie das Blätterrauschen im Wind. Das ganze Buch ist eine leichte Brise auf der Haut, der Geruch des Waldes, des Lebens. Ruhig fliessen die Geschichten dahin. Verwurzeln sich. Umarmen einander. Tokarczuk ist keine Autorin für die Schnelle. Sie entzieht sich der Hektik unserer Zeit und ist genau deshalb so lesenswert. Sie vermittelt Werte. Fordert auf, den Blick nach Innen zu richten. Inne zu halten. Eine Autorin wie ein Zen-Garten. Aber mitten in den wilden Wäldern angesiedelt.

    21. Dez. 2024

Autorin / Autor

Über Olga Tokarczuk

Olga Tokarczuk , geboren 1962 in Sulechów, studierte Psychologie in Warschau und wohnt heute in Nowa Ruda. Ihr Romandebüt ›Die Reise der Buchmenschen‹ erschien 1993 und wurde von der Gesellschaft der polnischen Buchverlage als bestes Prosadebüt ausgezeichnet. Für ihren Roman ›Taghaus, Nachthaus‹ erhielt sie 1999, für den Erzählband ›Spiel auf vielen Trommeln‹ 2002 den NIKE Publikumspreis. Bei dtv sind von Olga Tokarczuk lieferbar: ›Der Schrank‹ (12923) und ›AnnaIn in den Katakomben. Der Mythos der Mondgöttin Inanna‹ (13691).

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