
1 Follower
"Taghaus Nachthaus" ist ein grandioses Buch. Leider habe ich den Titel nicht verstanden. Nicht selten geht es mir bei poetischen Titeln bei Büchern so, und ebensowenig selten gibt es dann irgendwo eine Stelle, an der der Titel im Wortlaut benutzt wird, wo man seinen geheimen Sinn endlich verstehen soll - und dann liest man diese Stelle wieder und wieder und wieder, und man versteht's nicht, aber für das Lesen selbst ist es eigentlich auch nicht wichtig. Auch andere Dinge in diesem Roman kann man nicht verstehen. Doch wie gerne würde ich ihnen allen nachgehen! Das Ich - wieder sehr typisch für sehr viele Romane - ist natürlich eine Schriftstellerin, da kann man sich noch denken, wie Tokarczuk wohl auf eine Hauptperson gerade mit diesem Beruf gekommen ist... doch sie redet am meisten mit einer Perückenmacherin, deren Winterschlaf das geniale Schlussmotiv des Romans ist: Gibt es für so eine Figur, die so plastisch als alte, verschrobene Frau beschrieben wird, gibt es für so eine Figur, nein: kann es für so eine Figur ein reales Vorbild geben? Keine Ahnung. Menschen sind wie Pilze, das beobachtet Tokarczuk unter anderem: und schreibt dann von Giftpilzen, die man eigentlich doch essen könnte (Menschen sind also eher Giftpilze, könnte man denken, nach Tokarczuk sind sie dann irgendwie beides). Sie listet Rezepte mit diesen Giftpilzen auf. Auch hier lässt es sich fragen: Gibt es einen Realitätsbezug? Meint sie das ernst? Zumindest scheint es tatsächlich essbare Fliegenpilzsorten in der Region Polens zu geben, in der der Roman spielt...andererseits? Neben den Gesprächen der Erzählerin mit der älteren Frau über Natur, Träume, Menschen und Pilze werden viele andere Geschichten eingeflochten. Die wichtigste und ausgearbeitetste ist eine Geschlechtergrenzen überwindende Geschichte, deren erster Teil historische Hand und historischen Fuß zu haben scheint: Eine Heilige, die Heilige Kümmernis oder Heilige Wilgefortis, betete sich, weil sie nicht heiraten wollte, einen Bart herbei, sodass der ihr bestimmte Bräutigam sie verschmähen würde. Deswegen kreuzigte dann ihr Vater die Unverheiratbare, sodass sie mit Jesu Antlitz (eben einem Männergesicht) eine Märtyrerin wurde, die in christlicher Volksfrömmigkeit besonders von Frauen und noch besonderer von Frauen mit Gewalt- und Inzesterfahrungen angebetet wurde. (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/Wilgefortis.html) Der zweite Teil der Geschichte ist wohl von Tokarczuk hinzuerdacht worden: Ein Mönch im Mittelalter, der eine Frau werden will, entdeckt die Geschichte der Heiligen Kümmernis und erzählt diese weiter. Transgenderthemen und problematische Geschlechtergrenzen werden so völlig neu erzählt. Und dann gibt es noch viele kleinere, konkretere Bezüge und Motive: Des griechischen Philosophen Anaximanders Schöpfungsmythos wird nacherzählt - im Interesse der kosmologischen Spekulation, der es Tokarczuk ähnlich schon wie bei der Heiligengeschichte die christliche Tradition angetan hat. Eine absurde Grenzanekdote berichtet, dass ein '45 geflohener Deutscher sich später seine Heimat wieder anschaut und in Erinnerung ans jugendliche Bergwandern sich selbst überschätzt, sodass er dann stirbt - direkt auf der tschechisch-polnischen Grenze wird er von den Beamten des einen Staates in den anderen, und von den dortigen wieder zurückgeschoben. Es wird sich ans sozialistische Polen zurückgedacht: Ein Ausflug nach Oswiecim ist nicht wegen der dortigen Auschwitz-Gedenkstätte einer Protagonistin in Erinnerung geblieben, sondern weil es dort Speiseöl ohne Bezugsscheine oder Kaufbeschränkung gab. Schließlich: Ein Protagonist wird nicht mit seinem Namen bedacht, sondern schlicht und ergreifend: Herr Soundso genannt. Alles ist mit Geschmack komponiert, wohldosiert, verwoben und kontrastiert. Kurz: Literatur, keine Ansichtskarte. "Die Erinnerung schafft Ansichtskarten, aber begreift nichts von der Welt. Deswegen passt sich die Landschaft der Stimmung des Betrachters so gut an. Der Mensch erblickt in der Landschaft den inneren, vergänglichen Augenblick. Überall sieht er nur sich. Und sonst nichts." (Tokarczuk, Taghaus Nachthaus)
28. Sept. 2022
"Taghaus Nachthaus" ist ein grandioses Buch. Leider habe ich den Titel nicht verstanden. Nicht selten geht es mir bei poetischen Titeln bei Büchern so, und ebensowenig selten gibt es dann irgendwo eine Stelle, an der der Titel im Wortlaut benutzt wird, wo man seinen geheimen Sinn endlich verstehen soll - und dann liest man diese Stelle wieder und wieder und wieder, und man versteht's nicht, aber für das Lesen selbst ist es eigentlich auch nicht wichtig. Auch andere Dinge in diesem Roman kann man nicht verstehen. Doch wie gerne würde ich ihnen allen nachgehen! Das Ich - wieder sehr typisch für sehr viele Romane - ist natürlich eine Schriftstellerin, da kann man sich noch denken, wie Tokarczuk wohl auf eine Hauptperson gerade mit diesem Beruf gekommen ist... doch sie redet am meisten mit einer Perückenmacherin, deren Winterschlaf das geniale Schlussmotiv des Romans ist: Gibt es für so eine Figur, die so plastisch als alte, verschrobene Frau beschrieben wird, gibt es für so eine Figur, nein: kann es für so eine Figur ein reales Vorbild geben? Keine Ahnung. Menschen sind wie Pilze, das beobachtet Tokarczuk unter anderem: und schreibt dann von Giftpilzen, die man eigentlich doch essen könnte (Menschen sind also eher Giftpilze, könnte man denken, nach Tokarczuk sind sie dann irgendwie beides). Sie listet Rezepte mit diesen Giftpilzen auf. Auch hier lässt es sich fragen: Gibt es einen Realitätsbezug? Meint sie das ernst? Zumindest scheint es tatsächlich essbare Fliegenpilzsorten in der Region Polens zu geben, in der der Roman spielt...andererseits? Neben den Gesprächen der Erzählerin mit der älteren Frau über Natur, Träume, Menschen und Pilze werden viele andere Geschichten eingeflochten. Die wichtigste und ausgearbeitetste ist eine Geschlechtergrenzen überwindende Geschichte, deren erster Teil historische Hand und historischen Fuß zu haben scheint: Eine Heilige, die Heilige Kümmernis oder Heilige Wilgefortis, betete sich, weil sie nicht heiraten wollte, einen Bart herbei, sodass der ihr bestimmte Bräutigam sie verschmähen würde. Deswegen kreuzigte dann ihr Vater die Unverheiratbare, sodass sie mit Jesu Antlitz (eben einem Männergesicht) eine Märtyrerin wurde, die in christlicher Volksfrömmigkeit besonders von Frauen und noch besonderer von Frauen mit Gewalt- und Inzesterfahrungen angebetet wurde. (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/Wilgefortis.html) Der zweite Teil der Geschichte ist wohl von Tokarczuk hinzuerdacht worden: Ein Mönch im Mittelalter, der eine Frau werden will, entdeckt die Geschichte der Heiligen Kümmernis und erzählt diese weiter. Transgenderthemen und problematische Geschlechtergrenzen werden so völlig neu erzählt. Und dann gibt es noch viele kleinere, konkretere Bezüge und Motive: Des griechischen Philosophen Anaximanders Schöpfungsmythos wird nacherzählt - im Interesse der kosmologischen Spekulation, der es Tokarczuk ähnlich schon wie bei der Heiligengeschichte die christliche Tradition angetan hat. Eine absurde Grenzanekdote berichtet, dass ein '45 geflohener Deutscher sich später seine Heimat wieder anschaut und in Erinnerung ans jugendliche Bergwandern sich selbst überschätzt, sodass er dann stirbt - direkt auf der tschechisch-polnischen Grenze wird er von den Beamten des einen Staates in den anderen, und von den dortigen wieder zurückgeschoben. Es wird sich ans sozialistische Polen zurückgedacht: Ein Ausflug nach Oswiecim ist nicht wegen der dortigen Auschwitz-Gedenkstätte einer Protagonistin in Erinnerung geblieben, sondern weil es dort Speiseöl ohne Bezugsscheine oder Kaufbeschränkung gab. Schließlich: Ein Protagonist wird nicht mit seinem Namen bedacht, sondern schlicht und ergreifend: Herr Soundso genannt. Alles ist mit Geschmack komponiert, wohldosiert, verwoben und kontrastiert. Kurz: Literatur, keine Ansichtskarte. "Die Erinnerung schafft Ansichtskarten, aber begreift nichts von der Welt. Deswegen passt sich die Landschaft der Stimmung des Betrachters so gut an. Der Mensch erblickt in der Landschaft den inneren, vergänglichen Augenblick. Überall sieht er nur sich. Und sonst nichts." (Tokarczuk, Taghaus Nachthaus)
28. Sept. 2022






