![[...], aber sie hält ihn fest. Oder vielleicht ist es auch umgekehrt.](https://social-cdn.read-o.com/images/1780337774678-81.jpg)
[...], aber sie hält ihn fest. Oder vielleicht ist es auch umgekehrt.
Dieses Buch ist nach dem Beenden noch eine Weile in meinem Türrahmen stehen geblieben. Diese Bücher gibt es immer wieder. Sie lehnen dort, schweigend, und sehen zu, wie man versucht, wieder in den Alltag zurückzufinden. Mit meinen 3,5 von 5 Sternen stehe ich vielleicht an einem merkwürdigen Punkt: zu beeindruckt, um das Buch abzulehnen, aber auch zu zwiegespalten, um ihm vorbehaltlos zu verfallen. Schon der erste Schock durchzuckt wie ein Stromschlag. Helene steht vom Abendessen auf und springt vom Balkon. Kein Abschiedsbrief. Keine große Erklärung. Keine literarisch inszenierte Vorwarnung. Nur ein radikaler Schnitt. Ein Moment, der weniger wie eine Handlung wirkt als wie das Zerreißen eines überdehnten Seils. Von da an erzählt Fallwickl nicht nur die Geschichte einer Familie, sondern die Geschichte eines Systems, das sich darauf verlässt, dass Frauen immer noch ein bisschen mehr tragen werden. Noch ein bisschen länger. Noch ein bisschen stiller. Was mich an diesem Roman besonders beschäftigt hat: Die eigentliche Hauptfigur ist nicht Helene. Es ist die Leerstelle, die sie hinterlässt. Plötzlich wird sichtbar, wie viele unsichtbare Zahnräder sie jeden Tag in Bewegung gehalten hat. Nicht weil jemand sie aktiv darum gebeten hätte, sondern weil unsere Gesellschaft auf einem perfiden Prinzip beruht: Die wichtigste Arbeit ist oft diejenige, die erst bemerkt wird, wenn sie nicht mehr gemacht wird. Fallwickl beschreibt Care-Arbeit nicht als liebevolle Selbstaufgabe, sondern als Infrastruktur des Zusammenlebens. Solange sie funktioniert, spricht niemand darüber. Fällt sie aus, bricht alles zusammen. Dabei fand ich besonders spannend, dass der Roman Wut nicht als Explosion versteht. Wut ist hier eher wie Kohlenmonoxid: unsichtbar, geruchlos, tödlich. Sie sammelt sich in den Ritzen des Alltags. In jedem liegen gebliebenen Handtuch. In jeder mentalen To-do-Liste. In jedem „Kannst du kurz...?“, das eigentlich bedeutet: „Ich habe bereits entschieden, dass du zuständig bist.“ Und genau dort entfaltet das Buch seine größte Stärke. Es macht nicht nur sichtbar, wie Frauen erschöpfen. Es zeigt, wie Erschöpfung gesellschaftlich normalisiert wird. Trotzdem blieb ich nicht durchgehend begeistert. Vielleicht liegt es daran, dass Fallwickl manchmal so viel sagen will, dass die Geschichte kurz innehält, um Platz für ihre Botschaften zu schaffen. Mehrfach hatte ich das Gefühl, nicht mehr einer Figur zuzuhören, sondern einer Debatte. Themen wie Bodyshaming, Femizide, Mental Load, patriarchale Gewalt, soziale Medien, Schönheitsideale oder weibliche Selbstermächtigung werden angeschnitten, teilweise in beeindruckender Schärfe, teilweise aber auch so dicht hintereinander, dass der Roman stellenweise eher wie ein Brennglas aktueller Diskurse wirkt als wie eine organisch wachsende Erzählung. Gerade dort verlor mich das Buch gelegentlich ein Stück weit. Und dennoch: Selbst in diesen Momenten konnte ich mich seiner Wirkung nicht gänzlich entziehen. Denn Fallwickl schreibt Sätze, die nicht einfach gelesen werden wollen. Sie wollen sich festsetzen. Immer wieder findet sie Bilder für Trauer, Überforderung und weibliche Wut, die sich wie kleine Splitter im Gedächtnis verhaken. Ihre Sprache besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie macht Schmerz nicht größer als er ist, aber auch niemals kleiner. Besonders berührt hat mich die Figur Lola. Während viele Romane Jugendlichen entweder eine Weisheit zuschreiben, die sie unrealistisch erscheinen lässt, oder sie auf Klischees reduzieren, wirkt Lola lebendig. Unfertig. Widersprüchlich. Ihre Wut ist nicht sauber formuliert. Sie ist roh. Manchmal unfair. Manchmal anstrengend. Aber genau deshalb glaubwürdig. Sie verkörpert eine Generation, die Dinge nicht mehr einfach so hinnehmen möchte. Vielleicht erklärt das auch meinen Eindruck nach dem Lesen: Dieses Buch will nicht gefallen. Es will aufrütteln. Es will stören. Es will Fragen stellen, die man lieber verdrängt. Und genau deshalb bleibt es eben doch. Und vielleicht ist das die größte Qualität dieses Romans: Er hinterlässt keine Antwort. Er hinterlässt einen Blick. Einen Blick auf all die Arbeit, die niemand sieht. Auf all die Erwartungen, die niemand ausspricht. Und auf eine Wut, die nicht verschwindet, nur weil man sie ignoriert. ♡♡♡ "Sie stehen einander gegenüber, nachdem sie sich eine gute Nacht gewünscht haben, und vermeiden die Umarmung, die sich ihnen aufdringen möchte, wie eine logische Konsequenz. Das sind Momente, in denen man sich nicht umarmen kann, weil sonst aufplatzt, was mühsam zugetackert wurde." "Denn das Problem, wenn man jemanden liebt, der einen nicht zurückliebt, ist, dass man sich nie sicher sein kann. Dass man sich ständig fragen muss, ob man womöglich bloß zu negativ denkt, ob die Liebesbeweise des anderen eventuell nur nicht aussehen wie erwartet, dass man permanent auf der Lauer liegt, Sätze durchleuchtet, jene, die ausgesprochen werden, und jene, die ungesagt bleiben."
























































