Abgebrochen
Durch die Augen blickt man in die Seele. Die Iris gleicht dem Fingerabdruck, sie macht es möglich, einen Menschen zweifelsfrei zu identifizieren. Doch was ist darin zu lesen? Wahrheit oder Projektion? Erinnerung oder Wunsch? Das Sichtbare und das, was sich entzieht. „dass du etwas nicht sehen kannst, [...], bedeutet nicht, dass es nicht da ist“ (S. 117). Dieser Satz wirkt wie ein poetologisches Zentrum des Romans. Er steht für verborgene Gewalt ebenso wie für verdrängte Kindheitserfahrungen, für historische Grausamkeiten ebenso wie für intime Grenzüberschreitungen. Im Mittelpunkt steht Iris, eine Schriftstellerin, Reisende zwischen Ländern, Zeiten und inneren Zuständen. die Grenzen der Handlungsstränge sind fließend. Verschiedene Orte, Menschen, Gespräche, Träume. Vergangenheit schiebt sich in die Gegenwart, historische Stoffe – etwa die Beschäftigung mit Hexenverfolgungen – überlagern das private Erleben. Der Blick auf Frauen in unterschiedlichen Zeiten und verschiedenen Ländern der Erde. Deren Leben als minderwertig gesehen, kontrolliert, gequält oder aus anderen Gründen dem Tode geweiht. Weibliche Körper als Projektionsflächen von Angst und Machtfantasien – damals wie heute. Zugleich erzählt der Roman von einer Beziehung, die auf Vereinbarungen beruht und doch an ihre Grenzen gerät. Erotische Spiele um Unterwerfung und Dominanz. Einvernehmlich, inszeniert und doch schleichend der Kipppunkt zur Folter. Wo verläuft die Linie zwischen Spiel und Ernst, zwischen Lust und Reinszenierung historischer Gewalt? Wie viel Geschichte steckt im Körper, im Begehren, in der Wiederholung bestimmter Muster? Die Frage drängt sich auf: Haben sich Krieg und Gewalt so tief in unsere Erbanlagen gefressen, dass kein Platz mehr ist für den Frieden? Oder ist es weniger biologisches Erbe als kulturelle Überlieferung – weitergegeben in Bildern, in Mythen, in Blicken? Freudenthalers Sprache unterstreicht diese Unruhe. So auch der Satzbau, der ohne Punkte auskommt. Kommata reihen die Sätze aneinander, verschieben Atempausen, treiben den Text voran. Ein Tempo entsteht, in dem die Bilder wie eine rasende Landschaft im Zugfenster vorbeirauschen lassen – kaum fixierbar, schon im nächsten Moment wieder entzogen. Das Lesen verlangt Aufmerksamkeit, Aushalten, Mitgehen. Dabei geht es weniger um lineare Handlung als um Verdichtung. "Mit 'Iris' schreibt sich Laura Freudenthaler in den Kanon der feministischen Literatur ein, in einer Reihe mit Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek und Marlen Haushofer." (Klappentext) Ein großer Anspruch, dem sie auf vielerlei Ebenen gerecht wird.

