Geschichte mit Sogwirkung, unheimlich interessante Thematik, glaubwürdig erzählt, echter Pageturner
Mit "Wolfsmädchens Wald" habe ich nun bereits das zweite Buch von Martina Straten gelesen und dessen Inhalt hat mich sogar noch mehr überzeugt, als der vorherige. Schon nach den ersten paar Seiten war ich inmitten der dichten Atmosphäre gefangen, die Frau Straten hier erschaffen hat. Das Buch entfaltet zudem eine Art von Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Kommen wir aber zuerst einmal zum Inhalt: Auf einmal ist sie da. Wild, ängstlich und verletzt. Ein kleines Mädchen am Rande der tiefen Hunsrückwälder, dort, wo die Grenzen zwischen Mensch und Natur verschwimmen. Man nennt sie »Sanna -das Wolfskind« denn die Fünfjährige kann weder sprechen noch aufrecht gehen. Ihre Wut macht sie gefährlich, und die Menschen in Krahnenberg meiden sie wegen ihrer Andersartigkeit. 25 Jahre später geschieht das Unfassbare erneut: Ein weiteres Mädchen erscheint im Wald, genau wie Sanna ist auch sie ein wildes Kind. Keiner weiß, woher sie kommen... Wer hat die Kinder zu dem gemacht, was sie sind? Das Buch liest sich wieder sehr flüssig, ohne dabei banal zu wirken. Die Autorin schreibt klar und bildhaft, sodass man als Leser gut in die Geschichte eintauchen kann. Langeweile kam bei mir folglich in keiner Sekunde auf, ganz im Gegenteil, die Seiten flogen nur so dahin... Die Spannung war schneller da als gedacht und ich wollte unbedingt erfahren, wie es mit Sanna weitergeht. Besonders faszinierend fand ich dabei die immer wiederkehrenden Fragen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen: Kann ein Mensch, der noch im Säuglingsalter ist, mitten unter wilden Tieren tatsächlich überleben? Was macht uns eigentlich menschlich? Ist es Sprache? Erziehung? Nähe? Moral? Oder ist Menschlichkeit etwas, das tiefer liegt, etwas, das selbst in der Wildnis nicht ganz verloren gehen kann? Obwohl das Buch durchaus einige kleine Fehlerchen enthält, konnte ich erstaunlich gut darüber hinwegsehen. Ich war einfach zu sehr gefangen in dieser rauen, fremden Welt, um mich von solch kleinen Schwächen ablenken zu lassen. Ich fand es unheimlich interessant, dass hier die Thematik der "Wolfskinder" aufgegriffen wird – etwas, das nicht nur in Mythen und Märchen lebt, sondern auch reale, historisch belegte Hintergründe besitzt. Unter "Wolfskindern" versteht man nämlich Kinder, die wohl von Wölfen oder anderen Tieren aufgezogen wurden oder zumindest über lange Zeit in der Wildnis überlebt haben. Schon seit Jahrhunderten gibt es Berichte über sogenannte "wilde Kinder", die fernab menschlicher Gesellschaft gefunden wurden – verwahrlost, ohne Sprache, oft mit auffälligem Verhalten. Viele dieser Fälle sind bis heute umstritten: Manche könnten auf extreme Vernachlässigung, Trauma oder Missbrauch zurückzuführen sein, andere auf psychische oder körperliche Erkrankungen. Und dennoch gibt es tatsächlich belegte Fälle von Kindern, die über lange Zeit allein in der Natur überlebt haben... Ob sie wirklich von Tieren "aufgezogen" wurden oder lediglich in ihrer Nähe überlebten, bleibt offen, doch die Faszination solcher Fälle bleibt bis heute bestehen. Martina Straten gelingt es, dieses uralte Motiv in eine neue, moderne und intensive Geschichte zu verwandeln. Sie ist so glaubwürdig erzählt, dass ich beim Lesen mehrfach dachte, sie könnte genau so passiert sein. Auch die Atmosphäre trägt maßgeblich dazu bei, dass die Story so dramatisch wirkt. Straten führt den Leser in eine Welt, die fremd und wild erscheint – rau, unbarmherzig, aber gleichzeitig voller stiller Schönheit. An vielen Stellen spürt man neben alldem förmlich ihre Leidenschaft für Wölfe und Wolfshunde. Für mich persönlich ist "Wolfsmädchens Wald" aber kein klassischer Thriller, sondern vielmehr ein starker, spannender Roman. Und das ist absolut positiv gemeint. Nicht jede Geschichte muss mit schnellen Schocks oder reißerischen Wendungen arbeiten, manchmal sind es gerade die leisen Momente, die großen Eindruck hinterlassen. Denn die Spannung entsteht hier etwas tiefer, durch die Figuren, ihre Vergangenheit, ihre inneren Konflikte und die dunklen Abgründe, die nach und nach sichtbar werden. Eben genau diese Charaktere stellen den größten Pluspunkt der Geschichte dar. Sie werden nämlich nicht nur oberflächlich beschrieben, sondern mit Widersprüchen und Emotionen gezeichnet. Vor allem Sanna steht im Mittelpunkt und ist eine Person, die man nicht so schnell vergisst. Ihre Entwicklung fand ich enorm faszinierend, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich... Auch Tom und Nia haben mich auf ihre ganz eigene Art überzeugen können. Ihre Rollen fühlen sich einfach echt an, sodass man ihre inneren Kämpfe hautnah miterlebt und sieht, wie sie förmlich mit ihren eigenen Grenzen, Ängsten und Entscheidungen ringen. Mein größter Kritikpunkt ist wohl das Ende, dieses kam mir dann doch etwas zu abrupt. Man liest und liest, begleitet Sannas Weg, hofft, fürchtet – und dann ist es plötzlich in wenigen Seiten vorbei. Das war schade, weil ich mir gewünscht hätte, dass sich das Finale mehr Zeit nimmt. Ich würde daher einen zweiten Teil sehr begrüßen, denn das Potenzial für eine Fortsetzung ist definitiv da. "Wolfsmädchens Wald" ist somit ein echter Pageturner, weil man immer das Gefühl hat, dass sich hinter der nächsten Ecke etwas verbirgt... Sei es ein Geheimnis, eine Wahrheit, eine Wendung oder ein Schmerz, den man noch nicht erahnen kann. Martina Straten hat es geschafft, aus dem seit Jahrhunderten bekannten Motiv der "Wolfskinder" eine neue, glaubwürdige und erschütternd schöne Geschichte zu formen. Nach diesem Buch freue ich mich schon darauf, noch weitere Werke von ihr zu lesen.






