Was für ein verdammt gutes Buch
Auf eine Empfehlung hin habe ich mir das Buch besorgt und bin ohne Vorwissen in den Roman eingestiegen. Und wurde sofort überrascht. Was für eine erstaunliche Authentizität in der Sprache, den Charakteren und der Atmosphäre. Annika Büsing beschreibt ihre Figuren nicht von außen. Man sitzt praktisch mit ihnen im Auto, in der Küche oder im Wald an der Ahr. Zu Beginn wirft einen der Roman einfach mitten hinein. Keine langen Erklärungen. Wer sind diese Leute eigentlich? Weshalb sprechen sie so miteinander? Warum fühlt sich manches gleichzeitig sehr humorvoll und melancholisch an? Ich hatte Chris anfangs für eine Frau gehalten, ich glaube das ist bewusst so konzipiert. Ich habe beim Lesen gemerkt, wie rasch man Menschen vorschnell kategorisieren kann. Chris und Koller könnten kaum unterschiedlicher sein. Chris wirkt ruhig, nachdenklich und kontrolliert. Koller hingegen ist laut, impulsiv, manchmal völlig drüber. Zwischen ihnen entsteht etwas, das sich nie konstruiert anfühlt. Keine geschniegelte Romanze. Eher etwas Rohes, Unsicheres und unglaublich Menschliches. Besonders beeindruckt hat mich, wie selbstverständlich und gleichzeitig feinfühlig der Roman Homosexualität behandelt. Manchmal derb, voller sexueller Unsicherheit und Sehnsucht, und dann plötzlich wieder ganz sanft. Eine zarte Berührung. Ein Satz am Morgen. Im Vergleich zu den vielen Liebeserklärungen in anderen Büchern erscheinen solche Augenblicke hier intimer und realitätsnäher. Koller lebt von seinen Details. Insbesondere von den stilistischen Mitteln. Von plötzlichen Brüchen im Satz oder Abschnitt. Erst Schmerz, dann plötzlich irgendein absurder Gedanke oder eine banale Beobachtung. Man kann Herzschmerz haben und im nächsten Moment Hunger auf Puddingplätzchen. Dieses Augenzwinkern zieht dabei nie etwas ins Lächerliche. Der Humor hier wirkt eher wie ein melancholischer Selbstschutz. Beide Protas versuchen irgendwie, mit ihrer Einsamkeit klarzukommen. Für mich ist Koller deshalb vor allem ein Buch über Sehnsüchte. Über Menschen, die soch Nähe wünschen und gleichzeitig Angst davor haben. Über Kindheitserlebnisse, die sich manifestiert haben. Der Erzählstil wechselt gelegentlich von der Ich-Erzählung in die zweite Erzählperspektive. Ungewöhnlich, aber das erzeugt eine besondere Nähe beim Lesen. Man folgt nicht einfach nur dem Plot, man ist direkt in Chris` Gedanken wenn er Koller anspricht. Einige Rezis kritisieren, dass in diesem Buch angeblich nichts passiert. Und ja, wer einen klassischen Plot mit ständig neuen Wendungen erwartet, wird hier vielleicht ungeduldig. Aber ich glaube ehrlich gesagt, dass in Koller ständig etwas passiert. Jede Konversation verschiebt etwas zwischen den Menschen. Jeder Blickkontakt, jede Unsicherheit, jede kleine Geste. Das Buch interessiert sich nicht dafür, möglichst viel Handlung zu produzieren. Es interessiert sich dafür, wie Nähe entsteht. Wie Menschen sich almählich einander öffnen. Wie Einsamkeit aussieht, wenn man versucht, sie hinter Witzen, Sex und Alltag zu verstecken. Auch das Ende wurde von manchen kritisiert. Ich werde nicht spoilern. 😁 Meiner Meinung nach war es genau richtig. Für mich steckt darin etwas sehr Ehrliches. Koller ist für mich deshalb kein Roman über große Ereignisse, sondern über Menschen. Über Wärme in kaputten Momenten. Über Liebe, ohne kitschig zu werden. Über Einsamkeit, ohne sich darin zu suhlen. Zitate: „Und überhaupt: War das Liebe? Dieses Vergessensein in der Welt? War das Liebe, ihm dabei zuzusehen, wie er einen Zettel für seine Tochter schrieb, und kein Stück mehr zu wollen als das ? Ist es Liebe, wenn die Tage über dich hinwegziehen und es okay ist?“ „Wir frühstückten. Ganz in Ruhe. Ich aß, er weinte nicht, wir waren vollkommen durchschnittlich und langweilig. Einzig die Tatsache, dass ich Hannah in den Kindergarten gebracht hatte, beschäftigte ihn sehr. Er tanzte auf dem dünnen Seil Unsicherheit, und wenn es hin und her schwang, sprühte es Witze. Nach dem Essen räumten wir den Tisch ab und das Geschirr in die Spülmaschine.“ „Die meisten Kinder spielen Vater-Mutter-Kind. Ich habe selten Kinder gesehen, die Vater-Vater-Kind spielen. Wenn Sie Kinder kennen, die Vater-Vater-Kind spielen, schreiben Sie das bitte mit Farbe an jede Häuserwand! Es könnte sein. Dass es Menschen wir mir Hoffnung macht.“ „Zurückhaltung erschafft nichts, aber sie bewahrt. Meine Mutter hat das übersehen. Natürlich konnte sie keine Zuversicht in mir entstehen lassen, keinen Mut, keinen Willen. Aber vielleicht war das alles längst schon da. Wenigstens ein Stück davon, eine Krume. Ich glaube fest, dass Gott am sechsten Tag etwas Mut in mich hineingelegt hat. Eine Mut-Krume. Das war mein ganzer Mut. Ein kleiner Fisch. Unterernährt, winzig, aber blau schimmernd. Und meine Mutter hat den Teich trockengelegt, in dem er schwamm. Weil Zurückhaltung nichts erschafft.“ „Das Problem an Schutzmänteln ist: Man spürt die Kälte nicht. Auch nicht die eigene.“ 😍 5 von 5 Sternen⭐️.






































