Selim Özdogan hat bereits zahlreiche Romane und Kurzgeschichtenbände veröffentlicht und nahm 2016 am Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Der dort vorgetragene Text ist auch in „Die Musik auf den Dächern“ zu finden und wurde von der Jury damals leidenschaftlich diskutiert. Auf der Buchmesse habe ich intuitiv zu diesem Kurzgeschichtenband gegriffen und wusste weder etwas über den Autor, noch hatte ich zuvor besonderes Interesse an Kurzgeschichten. Ich sollte aber mit meiner Wahl goldrichtig liegen, denn in den 27 Erzählungen (+ Epilog) macht Selim Özdogan mit unglaublicher sprachlicher Feinfühligkeit, subtilem Witz und außergewöhnlichen Perspektiven komplexe Gefühlswelten richtiggehend spürbar. Auf wenigen Seiten taucht man tief in das Setting und die Sichtweise der Protagonisten ein, die mit psychischen Erkrankungen, Identitätsfragen, Einsamkeit, Klassismus oder persönlichen Traumata zu kämpfen haben. Eine „Migrationshintergründlerin“ schließt sich einer Selbsthilfegruppe an, ein thailändischer Mann, der Bungalows am Strand vermietet, erzählt seine Sicht der Dinge, ein Fuchs beobachtet die „Bassschamanen“ im Wald oder eine verheiratete Mutter wartet noch immer auf ihre Jugendliebe. Auch der Rattenfänger von Hameln, Hakenkreuze, der Duft von Kaffee und ein Hase im Kopf spielen eine Rolle. Die Themen sind so vielfältig wie mitreißend. Ich habe darin einen wahren Schatz an Kreativität und Schönheit, aber auch melancholischer und tiefsinniger Gedanken entdeckt.
9. MaiMay 9, 2023
Die Musik auf den Dächernby Selim ÖzdoganEdition Nautilus GmbH
