
Übersetzt von Birgit Althaler "Sie veranschaulichen vor allem, wie Gesellschaften beharrlich immer wieder einen Sündenbock für ihr Unglück suchen und sich in einem Kreislauf der Irrationalität festfahren, wie sie jedem vernünftigen Argument unzugänglich werden, bis die Häufung von Hassreden und eine obsessiv gewordene Feindschaft den Übergang zur physischen Gewalt rechtfertigen, die als legitime Verteidigung des Gesellschaftsorganismus wahrgenommen wird." S. 17 Ich lebe allein und das sogar gerne. Ich liebe die Natur, vor allem im Herbst, wenn das Licht nicht mehr so grell ist und alles im Einklang zu sein scheint. Ich habe vor Kurzem die irrationale Angst vor Spinnen abgelegt. Ich liebe Tiere, ich bin alleinstehend, kinderlos und lebe in einer Wohnung voller Bücher. Seien wir mal ehrlich: Hätte ich mehrere hundert Jahre vorher gelebt, hätte ich es wahrscheinlich nicht wirklich bis zu meinen Dreißigern geschafft und wäre wohl schon lange als Hexe auf dem Scheiterhaufen Geschichte geworden. Denn auch heute noch verfolgen uns die Spuren der Hexenverfolgung. Kritische Nachfragen zum Lebensstil: „Bist du denn wirklich glücklich so ganz alleine?“ „Du hast sicher noch nicht den Richtigen gefunden!“ „Das kann doch nicht alles sein, was du willst?“ Sich geschichtlich, gesellschaftlich und patriarchalisch tief eingegrabenen Lebensstilen zu widersetzen, scheint auch heute noch Menschen Unbehagen zu bereiten. Auch wenn ich nicht wirklich nachvollziehen kann, warum sich irgendjemand Gedanken um meinen Lebensstil machen sollte, kann ich immer mehr und deutlicher verstehen, woher dieses Unbehagen kommt. Mona Chollet beleuchtet genau dieses Unbehagen in ihrem hervorragenden Buch „Hexen. Die unbesiegte Macht der Frauen“ im Zusammenhang der jahrhundertelangen Hexenverfolgungen auf der ganzen Welt, die lange Zeit von männlichen Geschichtsleuten fast schon geleugnet, relativiert und höchstens am Rande erwähnt wurden und die doch immer nur einen Ursprung hatten, obwohl gefühlt tausend absurde Gründe vorgeschoben wurden: Kontrolle über den Körper und die Seele von Frauen. Die auch heute noch in zahlreichen Institutionen wie Politik, Medizin und Gesellschaft leider meist erfolgreich – wir leben schließlich im Patriarchat – ausgeübt wird. Das Schreckensbild „Hexe“ wurde erfunden, um diesen Irrsinn zu rechtfertigen, und dieses Schreckensbild finden wir noch heute in zahlreichen Medien wieder, ob Disney-Filme, Horrorfilme, Kinderbücher oder auch solche für Erwachsene: überall begegnet uns das Schreckensbild der Hexe, immer als alte, verbitterte und bösartige Frau inszeniert, die Rache nehmen will. Wie absurd und gleichzeitig tragisch die Vorstellung, dass dieses Bild seinen Ursprung im Tod von zahlreichen Menschen hat, vorwiegend Frauen, aber auch Männer, die ihre Frauen verteidigen wollten, und sogar Kindern, die Folter ertragen mussten, um dann unter grausamen Umständen zu sterben. In „Hexen. Die unbesiegte Macht der Frauen“ wird das Schreckensbild der Hexe komplett umgekehrt. Mona Chollet verwandelt die Hexe in etwas Kraftvolles, Wunderschönes und Starkes. Sie gibt Frauen das Recht, so zu leben, wie sie wollen, zurück und zeigt in vielen persönlichen Beispielen, wie ihr eigener Lebensentwurf sie zu einer starken Persönlichkeit hat werden lassen. Obwohl dieses Buch angesichts der unglaublich gut recherchierten Geschichte und der Realität, in der wir leben, unglaublich wütend macht, ist es auch hoffnungsvoll und unterstützend und bestärkt uns in dem, was uns ausmacht. Und außerdem ist es so wahnsinnig klug und auf den Punkt, dass es höchstwahrscheinlich die, die es lesen sollten, nicht erreichen wird. Aber mich hat es erreicht, in allen Bereichen. Und das schon zum zweiten Mal – nachdem ich es vor sechs Jahren zum ersten Mal gelesen habe, auch in einer Zeit, in der man mich fragte: „Bist du denn wirklich glücklich so ganz alleine?“ Ja, bin ich. Und wie. "Es sind auch schöpferisch tätige Frauen, die viel lesen und ein reiches Innenleben haben: 'Sie existieren außerhalb des männlichen Blicks und des Blicks der anderen, denn ihre Einsamkeit ist angereichert durch Werke und Personen, Lebende und Tote, Nahestehende oder Unbekannte, deren Anwesenheit- in Fleisch und Blut oder gedanklich über ihre Werke- die Grundlage ihrer Identität darstellt.' Sie verstehen sich als Persönlichkeiten und nicht als Vertreterinnen weiblicher Archetypen." S. 66







