In seiner Autobiografie schreibt Olivier David darüber, wie es ist, in Armut aufzuwachsen und, wie daraus psychische Krankheiten resultieren können. Der Autor schreibt sehr direkt, ehrlich, offen, mutig und schonungslos über seine Kindheit, seine Jugend, seine Familie, seinen bisherigen Lebensweg und seine aktuelle Situation mit Diagnosen, Therapie und Job. Das Buch hat neben Pro- und Epilog 19 Kapitel, die sich jeweils aufteilen: Der erste Teil eines jeden Kapitels ist eine Rückblende auf bzw. Erzählung aus seinem Leben und anschließend folgen Auszüge aus seinem Tagebuch. Nicht immer erschließt sich mir der Zusammenhang zwischen Kapitelinhalt und korrespondieren Tagebucheintrag, aber mit den Tagebucheinträgen dokumentiert er in der zeitlichen Entwicklung seine Gedanken und Therapie. Der Autor stellt in seiner Biografie deutlich eines unserer großen Gesellschaftsprobleme heraus: "Über Armut wird in unserer Gesellschaft viel zu viel und viel zu absichtlich geschwiegen, ähnlich ist es mit psychischen Erkrankungen." (S. 126) Was macht Armut mit Menschen? Eine von Olivier Davids Antworten lautet darauf: "Wir waren arm an Möglichkeiten. Mehr als nur das fehlende Geld war es ein Mangel an Handwerkszeug, ein Mangel an Alternativen, der uns in unserer Armut von anderen isolierte." (S. 47) Ein wichtiges Buch, da es Armut und daraus resultierende psychische Krankheiten als Kern- und Leitthema aufgreift. Es ist eine Biografie, daher ist das Buch per Definition sehr subjektiv geprägt - auch wenn vereinzelt wissenschaftliche Studien als Belege angeführt werden. Meine Meinung: Ich finde es sehr mutig, dass Olivier David seine Biografie veröffentlich hat und so offen über sein Leben mit Armut, Drogen, psychischen Erkrankungen und beruflichem Werdegang berichtet. Stellenweise hätte ich mir für einige Thesen aber dennoch mehr wissenschaftliche Belege gewünscht, und die Titel-These ‚Warum Armut psychisch krank macht‘ kann am Beispiel von Olivier David beantwortet werden, aber anhand eines Beispiels nicht pauschalisiert werden. Zum Teil empfinde ich die Biografie so, dass er viele Erklärungen und Begründungen in externen Faktoren sucht und mir fehlt dabei die Perspektive, dass wir auch mit unseren persönlichen Lebensentscheidungen und Handlungen dazu beitragen. Natürlich ist Armut als Kind zu erfahren ein absolut schwerer Start in das Leben, das möchte ich damit gar nicht untermauern. Aber mindestens genauso prägend und formend können negative Erlebnisse im Elternhaus und psychische Erkrankungen bei den Eltern (wie hier: Depression, Drogensucht und häusliche Gewalt) und das Fehlen von Zuwendung, Geborgenheit, Halt und Sicherheit in der Kindheit sein. Aus meiner Sicht kann Armut und entsprechendes Elternhaus korrelieren, aber es ist kein zwangsläufiger Rückschluss. Ich wünsche dem Autor alles Gute und bedanke mich für das Rezensionsexemplar beim Autor und Verlag.
20. Feb.Feb 20, 2023
Keine Aufstiegsgeschichteby Olivier DavidEden Books - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe

