In "About Shame" (2021) schreibt Laura Späth über die Emotion Scham und ihre psychologische und gesellschaftliche Bedeutung. Wir schämen uns, wenn wir gegen äußere oder internalisierte Regeln verstoßen. Scham ist also eine soziale Emotion, denn sie entsteht durch die realen oder imaginierten Blicke von außen. Insofern ist Scham eng verknüpft mit gesellschaftlichen Vorstellung von Normalität. Internalisierte Scham und Beschämung halten Menschen in den Grenzen, die ihnen die Gesellschaft steckt. Anhand ihrer eigenen Biografie zeigt Späth auf, wie geschlechtsspezifisch der Umgang mit Scham ist: Da etwa Wut für weiblich gelesene Personen nicht sozial akzeptiert ist, ist sie häufig schambehaftet und wird nach innen gerichtet. Ausdruck hiervon können Essstörungen und Selbstverletzungen sein. Späth beschreibt, wie lähmend Scham sein kann, wenn sie dazu führt, dass der wertende Blick von außen immer mitgedacht wird und alles überschattet. Aber Scham ist nicht per se schlecht - im Gegenteil: Sie ermöglicht erst das Zusammenleben in einer empathischen Gesellschaft mit geteilten Werten. Schamlosigkeit ist nicht die Abwesenheit von Scham (das wäre Schamfreiheit), sondern bedeutet, die Scham zu ignorieren und mit Deckaffekten abzuwehren - etwa indem man andere beschämt oder aggressiv wird. Späths Analysen sind auch für den aktuellen politischen Diskurs interessant: Wenn Menschen eine vermeintliche "Cancel Culture" kritisieren und für sich in Anspruch nehmen, schamlos alles sagen zu dürfen, negieren sie den gesellschaftlichen Grundkonsens, dass wir einander moralisch verpflichtet sind, respektvoll miteinander umgehen und andere nicht unnötig verletzen. Schamabwehr dient hier also dazu, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Wer sich schämt, will sich isolieren, sich verstecken, verschwinden. Umso mutiger ist es, dass Späth hier ihre eigenen Erfahrungen mit Scham teilt. Vor allem aber ist das Buch lesenswert, weil es aufzeigt, wie Scham gesellschaftlich als Macht- und Kontrollinstrument wirkt - im Guten wie im Schlechten. Wir sollten uns also individuell und kollektiv fragen, welche Normen wir richtig finden und durch wen wir uns wofür beschämen lassen wollen.
28. JuniJun 28, 2025
About Shameby Laura Späth&Töchter


