Ein sprachlich und inhaltlich alternierender Ritt durch Dresden
Der namenlose Erzähler in Zierkes kulturpessimistischem kneipenslang Roman „Herrengedeck“ lungert mit Felsenkeller im Mantel durch ein Dresden der verlorenen Seelen, flucht auf Burschenschafter und Weintrinker. In seinem Regal stehen Ernst Jünger und Oswald Spengler neben Nietzsche. Er schreibt Reden für einen Abgeordneten, gibt dem Chef Hitler‑Tipps, redet sich bei seiner Freundin Idylle den Frust von der Seele und fragt sich, ob er ganz offensichtlich Nihilist ist. Wenn er im Weinlokal sitzt, wettert er über Schwätzer und gesteht: die Wichser, die wirklich Ahnung von Wein haben, trinken „wie Schwuchteln“. Mit solch einer Derbheit konterkariert Zierke die vielen intellektuellen Gespräche über Sekten, katholische Mystik und die Idee einer gemeinsamen Erzählung von Heimat. Idylle zitiert Houellebecq und Thomas von Aquin, während der Erzähler weiterhin nihilistisch von Hitlergeist und Nihilismus faselt. Die Power des Romans liegt für mich im Wechsel der Tonarten: auf eine abgedrehte Tirade folgt ein zarter Blick auf die Elblandschaft, auf ein religiöses Gespräch ein asozialer Witz. Zierke gelingt es, die zynische Perspektive seines Protagonisten glaubhaft zu machen und zugleich ironisch zu brechen. Der Humor entsteht aus der Diskrepanz zwischen großem Gestus und anständigem Alkoholpegel. Manchmal waren die endlosen Dialoge bisschen ermüdend, doch die Figuren sind so widersprüchlich und verletzlich, dass man gerne dranbleibt. Vier von fünf Sterne, gibts von mir weil „Herrengedeck“ einen literarischen Rausch erzeugt: ganz anders als man es gewohnt ist, befremdlich, politisch, vulgär aaaaaber zugleich nachdenklich. Gönnt es euch auf jeden Fall!

