
Ein deutlich feministischer Text, der weibliche Unterdrückung schonungslos sichtbar macht. Für mich ist dabei die Mutter die eigentliche zentrale Figur, weil sich an ihr die weibliche Rolle und ihr Leid am klarsten zeigen. Isolde bleibt ambivalent: Retterin und Rächerin aller Frauen oder Schuldige und Täterin? Genau diese Uneindeutigkeit macht ihre Rolle spannend, aber auch irritierend.
„Halbtier“ ist sprachlich aus heutiger Sicht erst einmal gewöhnungsbedürftig und stellenweise ziemlich anspruchsvoll. Man kann den Text nicht einfach nebenbei lesen, sondern muss sich wirklich darauf einlassen. Das passt aber auch zu den Themen, die verhandelt werden. „Wie sah Mamas Leben aus, wenn man es mit ihren eigenen Augen betrachtete?“ Für mich ist die eigentliche Hauptfigur die Mutter. Dass sie namenlos bleibt, ist in meinen Augen kein Zufall, sondern zeigt sehr deutlich, wie Frauen in diesem Roman vor allem über ihre Rolle definiert werden und nicht als eigenständige Personen. Auch wenn sie im letzten Drittel etwas in den Hintergrund rückt und Marie zeitweise die Funktion der leidenden Frau übernimmt, wird sie gegen Ende wieder präsenter. Ihre Geschichte ist emotional und fast schon tragisch. Mit ihr konnte ich am meisten mitfühlen und für sie habe ich mich am meisten interessiert. Besonders gelungen fand ich die Familienmomente mit Isolde, die für mich stärker wirken als die Szenen bei und Mrs. Weiland. Isolde mochte ich auf den ersten Seiten sehr, weil sie wach, beobachtend und reflektiert wirkte. Sobald aber ihre starke Fixierung auf Henry Mengersen einsetzt, wird sie für mich eher nervig und stellenweise übertrieben. Trotzdem bleibt sie interessant, gerade weil sie oft mehr beobachtet als handelt. Das wirkt nicht immer überzeugend, scheint aber bewusst so angelegt zu sein und passt zu der eingeschränkten Handlungsfreiheit von Frauen im Roman. Sehr stark finde ich die Darstellung der Männerfiguren des Vaters und Henry Mengersen. Sie sind für mich durchweg unangenehm, teilweise richtig ekelhaft in ihren Aussagen und Denkstruktur. Der Text macht daraus keinen Hehl. Auch die Erzählstruktur unterstützt diese Kritik, zum Beispiel an der Figur Pauline, die von Männern und auch von einigen Frauen als ideales Weiblichkeitsbild gesehen wird, gerade weil sie still ihre Rolle so perfekt erfüllt. Dass sie selbst nie als Figur auftritt, sondern nur über sie gesprochen wird, ist dabei ein deutliches Signal. Frauen sollen hier nicht sprechen, sondern funktionieren. Ohne zu spoilern: Isolde bleibt in meinen Augen eine ambivalente Figur. Schuldige oder Retterin? Opfer oder Täterin? Gerade diese Unentscheidbarkeit macht „Halbtier“ für mich interessant, aber auch teilweise unbequem. Insgesamt ein für seine Zeit unfassbar feministisches Werk mit teilweise leider immer noch aktueller Gesellschaftskritik. Gleichermaßen werden am Ende Elemente dargelegt, die durchaus problematisch betrachtet werden können.

