Halbtier!

Halbtier!

Softcover
4.47

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Description

Roman (1899)

Book Information

Main Genre
Poetry & Drama
Sub Genre
Criticism & Literary Studies
Format
Softcover
Pages
298
Price
20.40 €

Posts

2
All
4

Ein feministischer Klassiker

Dieses Buch war für mich keine einfache Lektüre. Zwar ist der Schreibstil an die Moderne angepasst, dennoch ist er deutlich von der Sprache und dem Denken des 19. Jahrhunderts geprägt, was den Einstieg zunächst erschwert. Hat man sich jedoch erst einmal eingelesen, lohnt sich Halbtier sehr. Der Roman erweist sich als eindrucksvoller feministischer Klassiker. Im Mittelpunkt steht Isolde, eine junge Frau und Freigeist, die trotz schwieriger Umstände ihren eigenen Weg geht. Mit einem mittellosen Künstler als Vater wächst sie in einer Umgebung auf, in der weibliche Intelligenz kaum Anerkennung findet. Dennoch wird sie selbst Künstlerin. Aus Bewunderung für dessen Kunst nähert sie sich Henry Mengeseren, doch das erhoffte Glück bleibt aus. Während er geistige Tiefe in der Kunst schätzt, bevorzugt er privat eine Frau, die sich unterordnet und sich nicht in die Gespräche der Männer einmischt. Isolde lebt fortan innerlich distanziert von ihrer Familie und betrachtet ihren Alltag mit einem beobachtenden, oft schmerzhaften Blick. Sie erlebt die zusehende Zermürbung ihrer Mutter durch ihren Vater und das Leid ihrer Schwester, bis sie schließlich ein Ventil für ihre Gefühle findet und sich aus der Gefangenschaft patriarchaler Machtstrukturen befreit. Das Buch ist stellenweise brutal, wütend machend und schwer auszuhalten. Betrachtet man die Zeit, in der es geschrieben wurde, wird deutlich, wie extrem eingeschränkt die Möglichkeiten von Frauen damals waren. Frauen wurden oft nur als notwendiges Übel gesehen – zuständig für Haushalt und Kinder, während die Männer außer Haus ihren anspruchsvollen Geschäften oder ihren Vergnügungen nachgingen. Man spürt die Hoffnungslosigkeit, die Isolde zunehmend ergreift, je mehr sie erlebt, wie Frauen in ihrer nahen Umgebung behandelt werden – sei es durch ihren Bruder, ihren Vater oder den vormals angebeteten Künstler. Zwar befreit sie sich aus dem Gefängnis der Männer in ihrer Umgebung, doch wirkliche Freiheit scheint ihr nur im selbstgewählten Tod möglich zu sein. Halbtier ist ein Buch, das nicht mit einer Lösung oder einem Happy End aufwartet. Ja, wir sind heute viel weiter – aber noch lange nicht weit genug. Das zeigt dieser Klassiker auf eindrucksvolle Weise. Absolute Leseempfehlung! Unbezahlte Werbung – Rezensionsexemplar

4

Ein deutlich feministischer Text, der weibliche Unterdrückung schonungslos sichtbar macht. Für mich ist dabei die Mutter die eigentliche zentrale Figur, weil sich an ihr die weibliche Rolle und ihr Leid am klarsten zeigen. Isolde bleibt ambivalent: Retterin und Rächerin aller Frauen oder Schuldige und Täterin? Genau diese Uneindeutigkeit macht ihre Rolle spannend, aber auch irritierend.

„Halbtier“ ist sprachlich aus heutiger Sicht erst einmal gewöhnungsbedürftig und stellenweise ziemlich anspruchsvoll. Man kann den Text nicht einfach nebenbei lesen, sondern muss sich wirklich darauf einlassen. Das passt aber auch zu den Themen, die verhandelt werden. „Wie sah Mamas Leben aus, wenn man es mit ihren eigenen Augen betrachtete?“ Für mich ist die eigentliche Hauptfigur die Mutter. Dass sie namenlos bleibt, ist in meinen Augen kein Zufall, sondern zeigt sehr deutlich, wie Frauen in diesem Roman vor allem über ihre Rolle definiert werden und nicht als eigenständige Personen. Auch wenn sie im letzten Drittel etwas in den Hintergrund rückt und Marie zeitweise die Funktion der leidenden Frau übernimmt, wird sie gegen Ende wieder präsenter. Ihre Geschichte ist emotional und fast schon tragisch. Mit ihr konnte ich am meisten mitfühlen und für sie habe ich mich am meisten interessiert. Besonders gelungen fand ich die Familienmomente mit Isolde, die für mich stärker wirken als die Szenen bei und Mrs. Weiland. Isolde mochte ich auf den ersten Seiten sehr, weil sie wach, beobachtend und reflektiert wirkte. Sobald aber ihre starke Fixierung auf Henry Mengersen einsetzt, wird sie für mich eher nervig und stellenweise übertrieben. Trotzdem bleibt sie interessant, gerade weil sie oft mehr beobachtet als handelt. Das wirkt nicht immer überzeugend, scheint aber bewusst so angelegt zu sein und passt zu der eingeschränkten Handlungsfreiheit von Frauen im Roman. Sehr stark finde ich die Darstellung der Männerfiguren des Vaters und Henry Mengersen. Sie sind für mich durchweg unangenehm, teilweise richtig ekelhaft in ihren Aussagen und Denkstruktur. Der Text macht daraus keinen Hehl. Auch die Erzählstruktur unterstützt diese Kritik, zum Beispiel an der Figur Pauline, die von Männern und auch von einigen Frauen als ideales Weiblichkeitsbild gesehen wird, gerade weil sie still ihre Rolle so perfekt erfüllt. Dass sie selbst nie als Figur auftritt, sondern nur über sie gesprochen wird, ist dabei ein deutliches Signal. Frauen sollen hier nicht sprechen, sondern funktionieren. Ohne zu spoilern: Isolde bleibt in meinen Augen eine ambivalente Figur. Schuldige oder Retterin? Opfer oder Täterin? Gerade diese Unentscheidbarkeit macht „Halbtier“ für mich interessant, aber auch teilweise unbequem. Insgesamt ein für seine Zeit unfassbar feministisches Werk mit teilweise leider immer noch aktueller Gesellschaftskritik. Gleichermaßen werden am Ende Elemente dargelegt, die durchaus problematisch betrachtet werden können.

Ein deutlich feministischer Text, der weibliche Unterdrückung schonungslos sichtbar macht. Für mich ist dabei die Mutter die eigentliche zentrale Figur, weil sich an ihr die weibliche Rolle und ihr Leid am klarsten zeigen. Isolde bleibt ambivalent: Retterin und Rächerin aller Frauen oder Schuldige und Täterin? Genau diese Uneindeutigkeit macht ihre Rolle spannend, aber auch irritierend.
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