
Ich hätte nicht gedacht, dass mich „Unter Dojczen“ so persönlich abholt – für mich ein absolutes Must Read.
Wir begleiten Jola, eine polnische 24h-Pflegekraft, die seit Jahren zwischen ihrer Heimat und Deutschland pendelt. Eine Frau, die funktioniert, durchhält, still bleibt – und dabei so viel mehr trägt, als man von außen sieht. Denn hinter dieser Arbeit steht immer auch ein Preis: Jola musste ihre eigene Tochter in Polen zurücklassen, um sie überhaupt versorgen zu können. Und genau darin liegt einer der schmerzhaftesten Gedanken dieses Buches: Was bedeutet Mutterschaft, wenn man nicht da sein kann? Wenn Fürsorge bedeutet, sich selbst zu entziehen? Der Roman zeigt auf eine erschreckend klare Weise, unter welchen Bedingungen viele osteuropäische Pflegekräfte arbeiten: in ständiger Abhängigkeit, oft ohne echte Absicherung, schlecht bezahlt, nicht selten ausgebeutet, rund um die Uhr verfügbar – und dabei viel zu häufig übersehen. Es ist dieses System, das mich beim Lesen nicht losgelassen hat. Ein System, das darauf basiert, dass andere ihre eigenen Grenzen immer wieder verschieben müssen. Und gleichzeitig schwingt etwas mit, das fast noch schwerer wiegt: der fehlende Respekt. Diese leisen Vorurteile. Dieses unausgesprochene „Sie ist ja nur die Pflegekraft“. Als wäre Bildung, Intelligenz oder ein eigenes Leben plötzlich weniger wert. Besonders eindrücklich fand ich diese kleinen Momente: Wenn es überrascht, dass eine polnische Pflegekraft Bridge spielt. Wenn sich hinter scheinbar harmlosen Bemerkungen genau diese Denkmuster zeigen. Was mich zusätzlich tief berührt hat: Ich bin selbst Polin, meine Eltern kommen aus Wrocław. Beim Lesen hatte ich immer wieder dieses Gefühl von Nähe – in der Sprache, in kleinen Begriffen, in diesen feinen Nuancen. Ich musste an vielen Stellen schmunzeln, weil so vieles so vertraut war. Der Akzent von Jola kommt unglaublich authentisch rüber, und viele dieser kleinen polnischen Eigenheiten haben sich für mich sofort richtig angefühlt. Genau dadurch ist eine ganz besondere Verbindung entstanden. Ein unglaublich feinfühliges Buch! Große Empfehlung!


















