Im Grunde eine Persönlichkeitsstörung in Humor verpackt
Ich weiß, es hat wahrscheinlich immer einen bitteren Nachgeschmack, einen Klassiker nicht hoch zu bewerten. Dasselbe hatte ich schon bei Anna Karenina. Ich denke aber, dass es auch viel mit persönlichem Geschmack zu tun hat. Bei Don Quijote von Cervantes ist der Storyaufbau zwar wirklich genial – vor allem der zweite Teil, in dem die Figuren praktisch den ersten Teil „gelesen“ haben, weil ihre Abenteuer bereits als Buch existieren. Die Protagonisten begegnen ihm daraufhin anders: Einige wollen ihm schaden, andere ihm helfen. Im Grunde sehen wir hier jedoch eine Person, die sich in ein Alter Ego flüchtet und sich für etwas hält, das sie nicht ist – ein einfacher Mann, der unbedingt ein Ritter sein möchte. Ich glaube, jeder – egal ob literarisch bewandert oder nicht – kennt die Szene, in der Don Quijote gegen Windmühlen kämpft, was inzwischen ja auch zu einer Redewendung geworden ist. Ich habe dieses Buch hauptsächlich gelesen, weil ich mich von „BookTok“ habe beeinflussen lassen und die Übersetzung, die ich gewählt habe, sehr gelobt wurde. Trotzdem muss ich sagen: Geschmäcker sind verschieden – und das ist auch gut so. Mich konnte dieses Buch nicht wirklich abholen. Die Sprache ist zweifellos schön, das lässt sich nicht bestreiten, aber diese Art von Erzählweise trifft einfach nicht meinen Geschmack. Was die Handlung angeht, sieht es etwas anders aus – daher auch meine Bewertung von 3,5 Sternen. Besonders die Figur Sancho Panza hat mir gefallen, da sie sich meiner Meinung nach sehr gut entwickelt, vor allem im zweiten Teil. Er bringt viele positive Eigenschaften mit, die für eine Gesellschaft wertvoll sind: Er ist loyal, bodenständig und trifft überlegte Entscheidungen. Auch wenn er sich anfangs leicht beeinflussen lässt, zeigt er später Größe und Besonnenheit – ganz im Gegensatz zum Protagonisten. Ich muss außerdem zugeben, dass ich die Geschichte insgesamt gar nicht so witzig fand, wenn man bedenkt, dass hier eine schwere psychische Problematik dazu führt, dass sich jemand für einen Ritter hält und dadurch viel Leid, Demütigung und Niederlagen erfährt. Trotzdem endet das Buch versöhnlich: Don Quijote erkennt seine Illusionen, wird wieder klar bei Verstand und verbringt seine letzten Tage ruhig und geborgen in seiner Heimat. Ich würde dieses Buch vor allem Menschen empfehlen, die eine eher altertümliche, fast poetische Sprache schätzen, die sich deutlich vom heutigen Sprachgebrauch unterscheidet. Vielleicht fehlt mir auch einfach das literarische Verständnis, um dieses Werk in seiner ganzen Tiefe zu würdigen – aber ich kann Bücher nur so bewerten, wie ich sie empfinde. Daher geht meine Empfehlung eher an erfahrene Leser. Für andere könnte es – auch wegen des Umfangs von über 1400 Seiten – schwierig werden, dranzubleiben. Ich selbst habe einen großen Teil eher im Schnelldurchgang gelesen.
























