5. Apr.
Rating:5

Der erste Teil des Buches ist recht paradoxer Natur und der Kellermensch erzählt im inneren Monolog seine Gedankenwelt.

Das Buch ist wirklich für alle geeignet, die Dostoyewski‘s triste und nachdenkliche Szenerien mögen. Auch wenn der erste Teil durchaus manchmal zu paradox erscheint und an Verständlichkeit einbüßt, obwohl dies ganz klar intendiert ist, lohnt es sich wirklich bis zum zweiten Teil auszuharren. Spätestens dann fesselt einen die Geschichte und lädt dazu ein, die Gesellschaft und deren Missstände auf den Tisch zu legen. In langsamen Tempo gelesen lassen sich arg schöne Wahrheiten herauslesen.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
25. März
Rating:4

Philosophisch Stark

Das Buch ist alles andere als leichte Kost aber wenn man sich die Zeit nimmt, es zu lesen und nicht einfach nur zu überfliegen, sondern wirklich das geschriebene aufnimmt. Zählt es wirklich zu einem Meisterwerk was seinesgleichen bis in die heutige Zeit sucht. Der erzähler ist ein sich selbsthassender, unsympathischer gebrochener Mann, wie es scheint aber kein Mensch macht sich selbst, sondern wird gemacht. Gerade im zweiten Teil kann man erfahren, warum wir einen Protagonisten erleben, der weit weg von der Norm ist, den wir als Helden bezeichnen würden, wer schwere Lektüre mag und wem es beliebt, zwischen den Zeilen zu lesen kommt mit Aufzeichnungen aus dem Kellerloch voll auf seine Kosten.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
22. März
Rating:5

Grandios!! War der erste Teil eine Offenbarung, wird der zweite Teil unerträglich.

Literarisch ist das hier wirklich ein Spektakel, vor allem der erste Teil. Da ist gefühlt auf jeder Seite ein Satz, bei dem man hängen bleibt und über sich selbst nachdenken muss. Der erste Teil funktioniert als Spiegel. Eine Selbstanalyse in Echtzeit meiner Meinung nach. Dabei geht es für mich gar nicht so sehr darum, wer dieser Kellerlochmensch ist, sondern was er sagt. Wie ein Filmprojektor. Ich könnte den Projektor bewerten, aber es geht einfach darum, was er auf die Wand projiziert, weil es so wichtig ist. Das hier ist kein Charakter, das hier ist ein Zustand! Der teilweise einem so vertraut vorkommt, dass man es nicht so recht fassen kann, hier und jetzt mit sowas konfrontiert zu werden! „Lustigerweise“ konfrontiert man sich selbst damit, durch den Kellerlochmenschen. (Man denke an den Filmprojektor) Der zweite Teil zeigt konkret, wie das gelebt aussieht und nimmt es damit wieder auseinander. Mag man im ersten Teil denken: „Ach ja, eigentlich hat der voll Recht“ oder „Ja maaaan, so is’ es. Endlich sagt es mal einer“ ist man im zweiten Teil eher dazu geneigt sich wieder von seinen Aussagen zu distanzieren - diese Erkenntnis, genau der schmale Grat ist der „Sweet Spot“. Wie gesagt, im zweiten Teil sieht man dann, was passiert, wenn man so denkt und lebt. Und das ist unangenehm, teilweise echt schwer auszuhalten, weil man genau merkt, wo das hinführt, nämlich in Selbstbestätigender Selbstzerstörung, die sich im Kreis dreht. Am Ende wirkt es fast wie eine Warnung, sich nicht im Denken zu verlieren, nicht alles im Kopf er“Leben“ zu wollen sondern sich dem echten Leben zu stellen! Psychologisch so dermaßen stark, so vielschichtig und so individuell zu lesen. Mich hat es getroffen wie selten ein Buch zuvor. Persönlich. Ganz groß! Danke Dostojewski!

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
24. Dez.
Rating:4

Nachdem ich weisse Nächte las, schob sich dieser russische Literat vor meine Aufmerksamkeitslinse. Es gibt eines zu erforschen, so auch in diesen Aufzeichnungen. Ich danke für das Wort Verbrecher Physiognomie, welches dich gut von der Zunge geht. Vor Jahren bereits gelesen, nicht verstanden und weg gelegt. Nun etwas mehr verstanden, schwirrt es mir im Kopf umher. Bin ich zu mir selbst ehrlich? Muss ich es sein, immer? So ein Tölpel, der mir die ein oder andere Seite von mir selbst zeigte. Wenn auch nicht in diesem Ausmaße, aber dennoch. Was für eine tollkühne Geschichte. So schreibt nur ein Feingeist. Verbrechen und Strafe liegt bereits auf meinem Sekretär und wartet auf eine Begegnung. Danke an den Compagnon, der mich darauf aufmerksam machte.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
17. Nov.
Gewissheit - nur der erste Schritt zum nächsten
Widerspruch.
Rating:5

Gewissheit - nur der erste Schritt zum nächsten Widerspruch.

Warum ich mir das Buch zur Hand nahm? — Mich beschäftigt seit einiger Zeit die Frage, ob Anpassung nicht oft einer stillen Form der Selbstverleugnung gleichkommt. Dostoyevskys Kellermensch bietet dafür eine perfekte Veranschaulichung in Denken und Alltag. Zwischen Urteil und Protest beobachtet man als Leser sein Verhalten. Eine Figur, die jede gesellschaftliche Norm abstreift und sich kompromisslos mit eigenen Widersprüchen konfrontiert. Mal nennt er sich als den Klugen, der alles durchschaut. Wenig später offenbart er wie kränklich und arm er tatsächlich ist. So ist er Schauspieler und Zuschauer zugleich. Ein ständiger Gedankensprung, was dem Leser an seinem Selbstbild zweifeln lässt. Beim lesen wurde mir schnell klar, dass dieses Buch weniger erzählt als entlarvt. Die widersprüchliche Logik der Erzählers ließ mich selbst über mein Handeln zweifeln. Schnell ertappte ich mich in der Rolle des Protagonisten, weshalb manche Passagen mir ein Gefühl von Scham erzeugte und kurze Pausen verlangte (S.63-64). Nicht aus emotionaler Überforderung, vielmehr aufgrund der Klarheit und der unangenehmen Präzision, die der Erzähler an sich selbst vollzieht. Sprachlich ist Dostoyevsky beeindruckend direkt. Seine Monologe sind streng, ungeschönt und zugleich handwerklich fein komponiert. Nichts wirkt zufällig, und doch ist alles durchzogen von dieser rohen, psychologischen Unruhe, die das Werk so zeitlos macht. Was bleibt?
Vor allem das Verständnis, dass Widerspruch im Menschen nicht ein Fehler ist, sondern ein Grundzustand. Seither geht mir nicht aus dem Kopf, dass Gewissheit oft nur der erste Schritt zum nächsten Widerspruch ist — ein Gedanke, der mich bis heute nicht in Ruhe lässt. Ich hadere noch mit der Frage, wie weit man die Kritik des Kellermenschen auf das eigene Leben übertragen darf, aber vielleicht ist genau diese Unsicherheit der entscheidende Punkt.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
25. Okt.
Rating:2

Ich bin und bleibe ja am Ende des Tages immer eine kleine Geisteswissenschaftlerin und dieses Buch hat mir mal wieder gezeigt, warum. Dostojewskis Weiße Nächte ist mit weitem Abstand mein absoluter Lieblingsklassiker und sogar eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Schon lange wollte ich danach noch was anderes von ihm Lesen. Das war mein viertes Buch von ihm. Ob Aufzeichnungen aus einem Kellerloch dafür die beste Wahl war, weil ich nicht in es war teilweise wirklich sauschwer zu verstehen. Trotzdem war es auf seine Art spannend, weil man es ja oft als eines der ersten Werke des Existenzialismus bezeichnet. Der Hauptcharakter war absolut nicht dafür gemacht, dass man ihn mag aber das war ja auch gar nicht der Sinn. Viel interessanter fand ich den zweiten Teil, weil dort tatsächlich „etwas passiert" und man die Handlungen des Untergrundmenschen miterlebt. Gerade dieser Perspektivwechsel auf eine Figur, die so anders ist, als man es gewohnt ist, war eigentlich ziemlich faszinierend. Am Ende bin ich irgendwie dankbar, es gelesen zu haben. Aber wie immer bei Klassikern habe ich danach das Gefühl, erstmal drei leichtere Bücher hinterherschieben zu Ich würde Aufzeichnungen aus einem Kellerloch ehrlich gesagt nicht wirklich empfehlen, außer man ist ein großer Dostojewski-Fan wie ich oder so selbstzerstörerisch wie ich, dass man sich immer wieder an viel zu schwierige Klassiker wagt, bei denen man jeden Satz dreimal lesen muss. Was ich außerdem interessant fand: Den Protagonisten mochte ich zwar nicht, aber spannend war er trotzdem. Irgendwie war es faszinierend zu sehen, wie tief selbstzerstörerisch und gleichzeitig grausam ein Mensch sein kann – und wie ehrlich diese Einsicht dargestellt wurde. Denn im Kern steckt da ja eine Wahrheit drin: Menschen, die wirklich fies, gemein und herablassend auftreten, sind oft innerlich extrem unsicher, fühlen sich übersehen und haben das Gefühl, nie richtig zur Geltung zu kommen. Mochte ich ihn dadurch mehr? Nein. Aber ich habe ihn im Großen und Ganzen ein Stück weit verstanden. Und genau das war irgendwie cool mal einen komplett anderen Charakter zu erleben, nicht dieses 08/15-Schema: „Ich bin der Gute und versuche es allen recht zu machen.“ Falls ihr aber wirklich, wirklich, wirklich einen guten Klassiker von Dostojewski lesen wollt: Lest Weiße Nächte! Das ist für mich ein absolutes Meisterwerk und viel einfacher.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
4. Okt.
Rating:4

Notes from Underground is one of the most fascinating psychological character studies I’ve ever read. Dostoevsky dives deep into the mind of a man trapped inside his own thoughts — a brilliant portrayal of overthinking, where endless reflection replaces real action. The “Underground Man” embodies the pain of excessive consciousness: he is proud, intelligent, self-aware, yet hopelessly self-destructive. Dostoevsky captures this inner struggle with stunning precision, turning philosophy into emotion and analysis into art. A challenging but deeply rewarding read — dark, honest, and strikingly modern.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
1. Okt.
Rating:4

Über den Dingen- Im Leben- Aus dem Kellerloch

Dostojewski lässt einen Erzähler sprechen, der zwischen Selbstüberhöhung und Selbsthass taumelt. Erst typisiert er: den tätigen Menschen, den untätigen, den Mausmenschen, den Menschen mit starken Nerven. Überzeugt von seiner eigenen Klarsicht – überspitzt, fast kompensatorisch – trägt er diese Figuren vor. Doch schnell zeigt sich: sie sind nicht nur Typen, sondern Spiegelungen seines eigenen inneren Widerstreits. Im zweiten Teil wechseln wir vom Kellerloch in die Welt. Wir sehen das Scheitern, das Kreisen, die immer neuen Versuche, im Handeln und im Deuten einen Halt zu finden – und wie alles doch an Hierarchien, Machtspielen und Statussymbolen bricht. Jede Begegnung wird zur Auseinandersetzung mit Ohnmacht und Überhöhung, mit dem Zwang, Bedeutung zu setzen, und dem ständigen Misslingen. Damit wagt Dostojewski, was Nietzsche später zum Programm erhebt: die menschliche Existenz nicht nur aus der Höhe, sondern auch aus dem Abgrund zu betrachten. So zeigt er eine Gesellschaft, die ihre Menschen durchzieht mit Regeln und Rollen – und einen Einzelnen, der zwischen performativem Handeln und reflexiver Zersetzung zerrieben wird.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
17. Sept.
Rating:5

Billiges Glück oder erhabenes Leid

Dieses Buch war für mich persönlich eine Achterbahn der Gefühle. Verwirrung - denn die ersten 60 Seiten haben keine Handlung. Wo ist sie? Inspiration - denn diese 60 Seiten klingen wie die Lehren der Menschlichen Psyche und jedes Wort begeistert einen und liest sich so schön Ekel - denn der 2. Teil handelt von einem unsicheren Anti-Helden mit einem sehr großen Ego Verständnis - denn ich war froh als meine Gedanken zu der Figur sich im letzten Teil wiederfanden Eine klare Empfehlung für alle, welche die Untergründe eines Menschen bis zum tiefsten Detail nachempfinden wollen

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
4. Sept.
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Rating:2.5

Ich bin über dem Lesen zunehmend frustrierter geworden… Ich wollte den Protagonisten schütteln… Erst dachte ich, ich gebe auf zu Ende zu lesen. Aber es wurde im zweiten Teil wirklich besser. Aber diese Selbstzweifelnden, kranken und ja gestörten Menschen will ich schütteln. Ich kenne Menschen die so denken und ich habe mich entschieden mich von ihnen nach Möglichkeit fern zuhalten. Ein schwieriges Buch und man muss es lesen wollen.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
14. Juni
Rating:5

Es ist Dostojewskij gelungen, dass man sich stets in die Gedankenwelt des namenlosen Protagonisten hineinversetzen konnte. Ich persönlich hab im Laufe des Buches immer mehr eine Abneigung dem Protagonisten gegenüber entwickelt, weil er mir durch sein Handeln und seine Gedanken zutiefst unsympathisch war. Kurzes, empfehlenswertes Buch

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
19. Apr.
Rating:4.5

Maximal intensives, himmelhoch jauchzend und zum Tode betrübtes Gedankenkarussell

Wie denkt ein depressiver Soziopath? Ich habe noch nie ein Buch gelesen, in dem ein derartiges Gefühlschaos so fesselnd sein kann. Trotz der teilweise deutlichen Absurdität ist doch alles so treffend beschrieben, dass ich ein gewisses Verständnis entwickeln konnte. Und zwischen all der Tragik, dem Selbst- und Menschenhass findet sich dennoch auch noch sehr viel Humor. Einmalig und wirklich grandios!

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
16. Apr.
Mal Genuss, mal Qual
Rating:4

Mal Genuss, mal Qual

In diesem Werk begleitet man einen namenlosen Ich-Erzähler, der sich von der Welt abgewandt hat und aus seinem „Kellerloch“ heraus über Freiheit, Selbsthass und die Widersprüche des menschlichen Daseins reflektiert. Der erste Teil besteht aus einem zynischen, oft widersprüchlichen Monolog, in dem er mit der Gesellschaft, der Vernunft und sich selbst abrechnet. Im zweiten Teil werden Erinnerungen an reale Begegnungen geschildert, peinlich, verzweifelt, teilweise verstörend; die zeigen, wie sehr er an seinem Wunsch nach Nähe und gleichzeitiger Abwehr jedes echten Kontakts zerbricht. Dieses Buch war für mich ein Auf und Ab. Manchmal war ich völlig eingenommen von der Sprachgewalt, der psychologischen Tiefe, der schonungslosen Selbstdemontage des Erzählers. Dann wieder fiel es mir schwer, in die Dichte der Sätze und die lähmende Schwere seiner Gedanken einzutauchen. Dostojewskis Stil ist kein leichter, die langen, teils ausschweifenden Sätze, das Kreisen um immer dieselben Motive, die melancholisch-aggressive Innenschau, all das ist stimmungsabhängig: mal faszinierend, mal ermüdend. Trotzdem ist dieses Werk einzigartig. Es wirft einen schonungslosen Blick auf das Innenleben eines Menschen, der sich selbst im Weg steht und hält dem Leser dabei einen unbequemen Spiegel vor. Kein Buch, das man “einfach mal so” liest, aber eines, das nachhallt. #

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
30. März
Ein wahnsinnig mitreissendes,  emotionales und tiefgründiges Werk, ein Ritt durch den Kopf eines depressiven und tragisch soziophatischen Menschen!
Rating:5

Ein wahnsinnig mitreissendes, emotionales und tiefgründiges Werk, ein Ritt durch den Kopf eines depressiven und tragisch soziophatischen Menschen!

Der Protagonist ist ein verbitterter, selbshassender Soziopath ohne Rückrat und führt seine grantigen, menschenfeindlichen und bösartigen Überlegungen und Auszüge aus seinem Leben dem Leser nahe. Er selber nennt sein Innerstes Kellerloch; was schon einiges aussagt. Sein fehlendes Selbstvertrauen frisst ihn nahezu auf und er versinkt in Scham, weil sein weit überzogener Stolz ihn im Umgang mit Anderen lähmt. Sein Neid auf die Mitmenschen und die Gesellschaft ist hoch, doch statt selber sein Leben zu ändern, redet er das der Anderen herunter, belächelt es oder spricht es ihnen ab. Er steigert sich hinein in seine Wut, bis aufs Äußerste. Er hasst einfach alles. Seine Arbeit, seine Kollegen, sich selber und seine feige Art, wie er selber sagt. Ein sich selbsthassender Overthinker in seiner krassesten Form. Sprachlich ist diese Novelle wunderbar geschrieben. Jedoch redet der Herr, zumindest im ersten Teil, in sehr vielen Metaphern und springt thematisch schnell hin und her. Erst mit dem zweiten Teil erschliesst sich einem der erste Teil so richtig. Die Aussagen des „Untergrundmenschen“ sind teilweise aber garnicht so abwegig. Sie beinhalten viel philosophische Tiefe. Und gegen Ende hin schafft es der Protagonist sogar Empathie in einem zu wecken. Man kann sich teils mit seiner brutal offenen und entlarvenden Art identifizieren, sogar mitfühlen. Und seine Rede über die Liebe auf Seite 105 ist nahezu rührend und sehr schön! Ein zuerst nicht ganz einfach zu verstehendes, psychologisches Werk, welches ab dem zweiten Teil einem total in seinen Bann zieht, und definitiv zum nachdenken anregt. Es hinterlässt auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck!

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
8. Jan.
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Rating:4.5

Ein ehemaliger Beamter zieht sich in sein „Kellerloch“ zurück und rebelliert gegen die Grundideen seiner Zeit, den Glauben, dass Menschen stets rational und zu ihrem eigenen Vorteil handeln. Im ersten Teil entwirft er seine düstere Philosophie, im zweiten Teil beweist er sie sogar. Bei einem Treffen mit Schulfreunden, wo er zwischen Verachtung und Sehnsucht nach Anerkennung schwankt und sich selbst erniedrigt, und besonders in der Begegnung mit der Prostituierten Lisa, deren aufrichtige Zuneigung er gezielt zerstört, zeigt Dostojewski schonungslos, dass der Mensch mehr ist als ein vernunftgesteuertes Wesen. Unsere Widersprüche und unser Freiheitsdrang machen uns menschlich, aber auch verletzlich. Ein verstörender, aber brillanter Roman, dessen Botschaft in unserer Zeit der digitalen Isolation wieder erschreckend aktuell ist. Der Roman verlangt Konzentration und ist keine leichte Kost – typisch Dostojewski eben 🫡. Doch am Ende wartet, wie könnte es anders sein, eine seiner berüchtigten Dostojewski-Klatschen 🤯.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
26. Dez.
Rating:4.5

Held oder Antiheld?

Diese Frage stellt man sich nachdem man das Buch gelesen hat. Steckt nicht ein Stück vom Antihelden in jedem von uns? Wenn wir ehrlich zu uns sind, kann man sich auch mit dem Antihelden identifizieren, weil jeder ein Stückchen verzweifelt ist. Man wünscht den Antihelden das Beste, aber es will nicht klappen, weil man weiß, dass er das tun wird, was er am wenigsten will. Er hasst sich selber und jeden anderen. Er ist bemitleidenswert. Sehr sehr interessantes Buch, was man in einem Zug lesen kann, wenn man sich durch das erste Kapitel gekämpft hat, was sehr philosophisch und langatmig ist. Deshalb auch nur 4,5 und nicht 5 Sterne.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
21. Dez.
Rating:3

Noch nicht ganz auf der Höhe von "Schuld und Sühne", da noch nicht ganz so ausgereift. Dennoch zeigt das Buch eindeutige Vorzeichen auf das später folgende Werk. Der Erzähler mag in einigen Dingen Recht haben, doch teilweise konnte ich über sein Verhalten wirklich nur den Kopf schütteln. Da aufgrund der Kürze des Werkes nicht alle inneren Vorgänge so gut ausgearbeitet sind wie bei Raskolnikow, bleibt man als Leser teilweise ein wenig ratlos. Nichtsdestotrotz ein eindrückliches und tief psychologisches Werk über einen Aussenseiter der Gesellschaft, der gar nicht anders kann, als anzuecken. Einer, der ständig getrieben ist, dessen Sicht sich mehr und mehr verzerrt und oftmals selber nicht weiss, was er will.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
30. Nov.
Rating:4.5

Der für Dostojewskij Verhältnisse kurze Texte macht deutlich, dass die transzendentale Obdachlosigkeit vieler Menschen schon in der Moderne gut zu beobachten ist. Und nicht erst in der Postmoderne. Die Hauptfigur fühlt eine unverstandenheit, die wesentlich differenzierter ist als „Außenseitertum“. Er zeichnet anti-Helden wie Travis Bickle (Taxi Driver) oder Franz Biberkopf (Berlin Alexanderplatz) vor.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
4. Juni
Rating:4

“Wir halten es sogar für eine Last, dass wir Menschen sein sollen.” Mein erster Dosojewski hält auf alle Fälle was er verspricht. Der Hauptcharakter ist jemand der einem von Anfang selbst total zu wider ist und dessen Gedankengängen so wirr, aber auch interessant sind, dass man das Buch nicht aus den Händen legen möchte.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
27. Dez.

I don’t even know what to give this one, I had a love-hate relationship while reading it.I wanted to love it because I love Dostoevskij, I liked the beginning, I hated reading some parts though, I could kind of see myself in some things (unfortunately) and not at all in most (fortunately).I like how Dostojewski is able to portrait people, especially the dark in people, and show us how an idea, a mindset brings you to some truly despicable actions. Also it’s astonishing how relatable his works are, even if only in theory.I think I simply wasn’t in the right mood for this, first: it’s inevitable to encounter sexism in classics (some more some less), you just have to set it apart but I had troubles doing that this time, which dampened my reading of the second part, second: I’m getting in such an optimistic mindset in my personal life that I have the feeling it’s sometimes difficult to « get » or maybe care? what the main character is all about.To be fair: I still enjoyed it, just not as much as other stuff he wrote. (Even though I loved the monologue in the beginning and think it’s brilliantly done)I think if you want to give it a try, try to read it in as less sittings as possible to really enter the vibe, also knowing something he wrote before this (for example crime and punishment, I see correlations here) and/or some theories that were around at the time (because he reacts to them!) will enhance your reading.If you want a lot of plot: this is a monologue, very philosophical and psychological and there’s also narrative in the second part of the book but it’s more of a character study, so there ain’t much of plot here.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag
14. Juni
Rating:5

Dieser Text wurde schon vor über 160 (!) Jahren veröffentlicht und ist immer noch aktuell. Ich nehme an, wir alle kennen die jugendliche Schwermütigkeit, die mit dem Erwachsenwerden einhergeht. Dostojewskis Protagonist hat das ebenfalls erlebt und konnte keine alternative Lebenseinstellung entwickeln, als im Lesen von Büchern Eskapismus zu suchen und durch eine antisoziale Lebensweise immer mehr Gram auf die Welt zu projizieren. Er selbst ist zerfressen von Selbstzweifeln und ständigem Zerdenken; seine Bildung befeuert diese Gedankenkreisläufe. Dieser Mensch ist zwar Zyniker, hat in seinem tiefen Innern aber ein gutes Herz. Aus Sicht dieses Pessimisten erläutert Dostojewski unter anderem, warum gesellschaftliche Utopien niemals umgesetzt werden können: Selbst wenn die Menschen von all ihren Sorgen befreit würden, gäbe es in der menschlichen Natur immer einen Hang zu Zerstörung und Chaos; selbst wenn der freie Wille durch Empirie widerlegt würde, würden sich Menschen nicht in ein Korsett aus Vernunft zwängen lassen. Individualität und Persönlichkeit sind das Wichtigste Merkmal des Menschen. 1864 konnte Dostojewski sicherlich noch nichts von unseren heutigen Debatten um Tranhumanismus ahnen. Trotzdem ist er in seinem Text auf jene gesellschaftliche Utopien eingegangen, die eine Erneuerung des Menschen durch Wissenschaft und Technik anstreben. Sehr genau konnte er beschreiben, wohin die Entwicklung der Moderne führt. Die Lösung Dostojewskis, nicht dem Zynismus und der Scham zu verfallen, liegt in der Liebe. Sie macht einen großen Teil des "lebendigen Lebens" aus, dem wir uns in unserem zivilisatorischen Fortschritt immer weiter entfernt haben. "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" rät uns an, uns nicht mehr nur Daten, Zahlen und Fakten hinzugeben, sondern wieder mehr ins Fühlen zu gehen und den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerlochby Fjodor M. DostojewskiAnaconda Verlag