9. Mai
Königinnen, Kronen und verdammt viel Haltung
Rating:4.5

Königinnen, Kronen und verdammt viel Haltung

Mittelalter, Königstöchter, Zwangsehen und politische Machtspiele. Klingt erstmal nach trockenem Seminarraum mit knarzenden Stühlen, entpuppt sich aber als ziemlich faszinierender Blick auf Frauen, die viel mehr waren als nur hübsch platzierte Figuren auf dem dynastischen Schachbrett. Michael Borgolte erzählt von Königinnen und Prinzessinnen, die ihre Heimat verlassen mussten, um an fremden Höfen Ehen zu schließen, Bündnisse zu sichern und politische Ruhe herzustellen. Romantik? Eher selten. Machtpolitik? Jede Menge. Und genau da wird es spannend, weil diese Frauen trotz fremdbestimmter Wege nicht einfach verschwanden, sondern Einfluss gewannen, Kultur mitbrachten, Religion prägten und manchmal erstaunlich viel Bewegungsfreiheit entwickelten. Besonders stark ist, dass hier nicht nur große Linien der europäischen Geschichte sichtbar werden, sondern auch einzelne Schicksale. Ingeborg von Dänemark, Sophia von Ungarn oder die russische Prinzessin, die sich Heinrich IV. widersetzte, bleiben nicht als Namen im Staub alter Urkunden liegen. Sie bekommen Kontur, Haltung und manchmal eine Wucht, bei der man kurz das Buch senkt und denkt: Meine Güte, was für Frauen. Natürlich ist das kein Sachbuch für nebenbei. Man muss sich auf die mittelalterliche Welt, ihre Begriffe und Verflechtungen einlassen. Aber wer Geschichte mag, bekommt hier kein angestaubtes Königinnenalbum, sondern ein kluges, bewegendes und ziemlich aktuelles Buch über Herkunft, Fremde, Macht und Selbstbehauptung. Für mich ein starkes Stück Geschichtsschreibung mit Kopf, Herz und ordentlich Krone im Nacken.

Königinnen zwischen Fremde und Vaterland
Königinnen zwischen Fremde und Vaterlandby Michael BorgolteWallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch