
Christian Dittloffs „Niemehrzeit“ ist ein autofiktionaler Text über den Verlust beider Elternteile innerhalb eines Jahres. Der Autor war 35, als Vater und Mutter mit einem Abstand von nur 4 Monaten verstarben. Was nun? Wie weiter? So viele Dinge gab es plötzlich zu erledigen und zu verarbeiten. Dittloff schreibt über die Gleichzeitigkeit von Trauer, Alltag, Liebe und Arbeit. Er ringt um die richtigen Worte für ein singuläres biografisches Ereignis und stellt sich die Frage, wie man einen angemessenen Ton findet für etwas so Universelles und doch so Persönliches. Das Buch bewegt sich zwischen autobiografischen Passagen und essayistischen Reflexionen, verzichtet dabei auf Sentimentalität und lässt Raum für Ambivalenzen – auch für Humor und unerwartete Momente des Glücks. Für mich besonders berührend sind die Listen, die Dittloff für seine Eltern erstellt: Es sind Versuche, sie als Personen zu fassen, die Beziehung zu ihnen festzuhalten. Beim Lesen kamen mir die eigenen Eltern nah, das schlechte Gewissen, zu selten anzurufen, zu wenig zu wissen über ihr Leben – und die Frage: Verändert sich die Bedeutung von Zuhause, wenn die Eltern sterben – selbst wenn man kilometerweit entfernt lebt und sie längst nicht mehr Teil des eigenen Alltags sind? Dittloff reflektiert eindrücklich über die Zäsur, die dieser Verlust bedeutet: Die eigene Biografie ordnet sich neu, die Lebensgeschichte wird zur Zwischenbilanz. Die Erinnerung an die eigene Kindheit verliert ihre lebendigen Zeugen. Es entsteht ein Gefühl der Verbindungslosigkeit zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Dass Literatur als Trost in existenziellen Krisen dienen kann, zeigt „Niemehrzeit“ u.a. durch eindrückliche Referenzen anderer Autor*innen, die über Verlust und Trauer schreiben. Sie alle suchen nach einer Sprache für etwas zugleich Universelles und zutiefst Persönliches. Christian Dittloffs Suche habe ich sehr gern gelesen und dabei auch ein paar Tränchen verdrückt.






