Wild. Eine Geschichte über alles und nichts. Phasenweise unterhaltsam über lange Phasen überhaupt nicht. Teilweise ziemlich wirr.

Eine faszinierende Odyssee über Grenzen und Grenzenlosigkeit, über Licht und Schatten, über Klarheit und Unschärfe, über Leben und Tod und über so viel mehr. Ein einzigartiges - wenn auch nicht ganz einfach zu lesendes - Leseereignis, das ich so noch nie erlebt habe.
„Und das Licht, es ist noch immer quellenlos. Als wäre ich in einer fluoreszierenden Qualle gefangen, die leider unsterblich ist. Ich spreche mal wieder vom Licht, ich werde nie genug davon gesprochen haben, weil ich die Vorhänge zugezogen habe. Da erkennt man besser wie schwer sie zu erkennen sind, die inneren Verhältnisse.“ (Gallandi 2023, S. 375f.) Als ich die ersten Seiten von Viktor Gallandis „Kaspar“ gelesen hatte, war ich zunächst beeindruckt. Beeindruckt davon, absolut nicht zu wissen, was auf mich zukommen würde. Aber zunächst: First things first. Eigentlich beschreibt die Zusammenfassung auf der Buchrückseite den Inhalt des Romans schon sehr gut. Beginnend begleiten wir während des Lesens den jugendlichen Kaspar, der in einem überbeleuchteten Zimmer liegt (wahrscheinlich auf einem anderen Himmelskörper im All), der alleinig von einem Roboter, den er „das Viech“ nennt, umsorgt wird und sich an seine vergangene Reise zurückerinnert und diese dokumentiert. Seine Schilderungen gleichen den am unwahrscheinlichsten eintretenden Situationen: er durchquert die seltsamsten Orten und trifft die kuriosesten Personen und Wesen, die man sich vorstellen kann, und man ertappt sich als Leser*in immer wieder dabei, sich zu fragen, was in aller Namen man gerade gelesen hat. Wirklich! Das Buch ist keinesfalls einfach geschrieben, da Kaspar einerseits jegliche Gedankengänge bis ins Kleinste ausdekliniert, aber andererseits auch sein Schreiben immer unterbricht, weil er die Vermutung hegt, dass „das Viech” mitlese, ihn verurteilen würde, enttäuscht wäre und noch so vieles mehr. „Das Viech“ wird von Kaspar so fetischisiert, als sei es vernunftbegabtes Wesen. Er spricht ihm Emotionen zu, hinterfragt Intentionen der (Nicht-)Handlungen und formuliert Bedürfnisse und Wünsche an „das Viech“. Analytisch betrachtet, wird den Leser*innen eine Besonderheit der Zeitebenen der Geschichte dargeboten. Zum ersten, weil wir Kaspars Episoden seiner Vergangenheit begleiten, zum zweiten, weil er unmittelbar alles beschreibt, was vor kurzer Zeit mit „dem Viech“ und ihm passiert ist. Und zum dritten erlebt man das unmittelbar Geschehene, weil Kaspars Ausführungen abrupt enden, als hätte er den Bleistift fallen lassen (u.a. S. 41, 98). Jegliche relationale Konstellationen von erzählter Zeit zu Erzählzeit finden sich in diesem Roman wieder - erstaunlich! Auch werden wir als Leser*in mitunter direkt adressiert, als wisse Kaspar, dass wir hier Teil der ganzen Szenerie, des ganzen Spektakels seien - genauso wie er selbst, „das Viech“ und alle anderen Lebewesen im Roman. Blickt man hinter die Fassade des Buches, so nimmt Viktor Gallandi einen auf eine faszinierende Odyssee mit: über Grenzen und Grenzenlosigkeit, über Licht und Schatten, über Klarheit und Unschärfe, über Leben und Tod und über so viel mehr. Ein einzigartiges Leseereignis, das ich so noch nie erlebt habe.

