Eine kluge Mischung aus autobiographischer Erzählung und kulturwissenschaftlichem Essay, in dessen Mittelpunkt Sahners überstandene Krebserkrankung steht. Wie beeinflussen (pop)kulturelle Narrative der Erkrankung das Erleben der eigenen Erkrankung? Sind sie hinderlich? Erweisen sie sich, einmal auf dem Prüfstand realer Erfahrung, als fadenscheinig? Kann man das überhaupt allgemeingültig beantworten? Sahner analysiert dafür Krankheitsberichte und -erzählungen genauso wie Filme und populäre Topoi rund um lebensverändernde Krankheiten im Allgemeinen und Krebs im Besonderen. Dabei geht es nicht nur darum, die vorherrschenden Erzählungen als solche zu identifizieren, sondern auch darum, ihre Funktion zu entschlüsseln. Oder ihre Gefahren zu zu erkennen. Kulturell eingeschriebene Erzählungen über Krebs erzeugen Erwartungen, nicht nur im erkrankten Menschen, sondern auch in dessen Umfeld. Erwartungen an einen bestimmten Umgang, Erwartungen an den Ablauf der Behandlung, Erwartungen an die Deutung des Erlebten. Im Vorhinein bestehende Narrative sorgen für eine Veränderung sozialer Dynamiken, für neue Rollen, die ausgefüllt werden müssen – von den Erkrankten, aber auch von den Gesunden, die ihm nahestehen. Ich habe diesen Bericht, diese vielseitige Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben vor dem Hintergrund kultureller Schablonen sehr gern gelesen. Lange Rede, kurzer Sinn: sehr lohnenswerte Lektüre!
13. Okt.Oct 13, 2023
Beim Lösen der Knotenby Simon SahnerFreies Geistesleben
