28. Dez.
Rating:4

Ich las das Buch für unseren Lesekreis. Evtl. hätte ich es nach ca. einen Drittel abgebrochen. So blieb ich aber dran. Kritisieren muss ich die die etwas zu seichte Sprache. Und eine Begebenheit dem Ende zu. Aber die Geschichte bekommt doch alles in allem eine unerwartete Tiefe. Solide vier Sterne.

Großmutters Geheimnis
Großmutters Geheimnisby Benjamin KoppelFISCHER
15. Dez.
Rating:4

Alexander, Däne und Sänger mit jüdischen Wurzeln, hat es nicht leicht mit seiner allgegenwärtigen Mutter, die ihn nicht loslässt, aber über die Vergangenheit der Familie schweigt und seiner Frau mit deren unerfüllten Kinderwunsch. Wir begleiten ihn durch wichtige Monate seines Lebens und am liebsten würde man ihn mal schütteln und auffordern, sich nicht so hängen zu lassen. Parallel dazu erzählt seine Großmutter aus ihrem Leben. Das ist kein Buch zum Nebenbei weg lesen. Es braucht Zeit hineinzufinden, die Geschehnisse zu erfassen und zu verarbeiten. Obwohl ich schon sehr viel über die Zeit Nationalsozialismus gelesen habe, hat mich diese Geschichte sehr berührt. Anfangs wollte ich an einem Punkt aufhören, weil mir das Erzähltempo zu langsam war. Aber dann habe ich gemerkt, dass dieses Buch Zeit braucht, denn es hat mich berührt, gefesselt und mir die Auswirkungen der alten Ereignisse auf die heutige Generation deutlich gemacht. Besonders gefallen haben mir die Bezüge zur Musik. Beim Lesen konnte man sich die Klänge und Stimmen so gut vorstellen. Es ist erstaunlich, was Musik bewirkt. Die Charaktere von Alexander, seiner Mutter und Großmutter waren ausgezeichnet geschildert und man bekam das Gefühl, sie zu kennen. Dagegen blieben andere etwas farblos. So hätte ich gern noch mehr über Alexanders Freundin erfahren, ein interessanter Charakter. Aber es ging ja vordergründig um die anderen. Sehr gut erzählter, tiefgehender Roman.

Großmutters Geheimnis
Großmutters Geheimnisby Benjamin KoppelFISCHER
29. Nov.
Zwischen Kassetten und Arien — ein Familienband, das nicht reißt
Rating:5

Zwischen Kassetten und Arien — ein Familienband, das nicht reißt

Musik als letzte Zuflucht — so fängt dieses Buch an, und es bleibt nicht bei der schönen Formulierung: Benjamin Koppel gelingt ein warmes, melancholisches Stück Literatur, das lange nachklingt. Die Geschichte beginnt 1943 mit Ruth, einer jungen Opernsängerin, deren Stimme mehr ist als bloß Talent: sie ist Überlebensfaden, Widerspruch und Erinnerung zugleich. Ein halbes Jahrhundert später knistert ihre Aufnahme aus einem New Yorker Heim wie ein Brief, der zu spät und doch rechtzeitig kommt. Parallel dazu stolpert Alexander durch sein modernes Dasein in Kopenhagen: Karriere, Ehe, der laute, schmerzliche Wunsch nach einem Kind — und eine Mutter, die lieber schweigt, als die Vergangenheit zu erzählen. Stilistisch trifft Koppel genau den Ton zwischen leiser Würde und nordischer Direktheit. Kein Pathos-Geplapper, sondern kleine, scharf beobachtete Szenen — der Geruch von Dachbodenkartons, das eigenartige Schweigen bei Familienessen, die peinlich lustigen Versuche, ein altes Band abzuspielen. Das Buch schafft es, schwere Themen wie Vererbung von Traumata und jüdische Lebensgeschichten ohne Belehrungszeigefinger zu erzählen. Musik zieht sich wie ein roter Faden durch die Seiten und wirkt gleichzeitig Heilmittel und Mahnung. Ein paar Figuren könnten noch etwas kantiger sein; manche Nebenstränge kippen gegen Ende ein wenig in Sentimentalität. Trotzdem sitzt die Mischung aus Familiengeheimnis, Historie und persönlichem Ringen. Wer emotionale, gut erzählte Familienromane mag — und Musik im Herzen trägt — findet hier ein echtes Kleinod. Herzschmerz trifft Intelligenz, und die Stimme des Erzählens bleibt lange im Ohr.

Großmutters Geheimnis
Großmutters Geheimnisby Benjamin KoppelFISCHER
3. Nov.
Rating:3

2 Erzählstränge zwischen Krieg und Kinderwunsch

1943 - die junge Opernsängerin Ruth wird nach Theresienstadt deportiert. Ihre einzige Hoffnung in der schweren Zeit ist ihre Liebe zur Musik, sowie eine aufkommende Beziehung zu einem jungen Mann. Viele Jahre befindet sich Ruth im Altersheim. Hier hält sie ihre Geschichte auf einem alten Kassettenrekorder fest. 2015 - Alexander hat in Dänemark mit seiner musikalischen Karriere sowie einem bisher unerfülltem Kinderwunsch zu kämpfen. Von seiner übergriffigen Mutter Lillian braucht Alex keine Stütze erwarten. Eines Tages findet er auf dem Dachboden seiner Mutter 2 bespielt Kasetten und zum ersten Mal bekommt er Einblicke über seine Herkunft. Meine Meinung: Erzählt wird die Geschichte in zwei Erzählsträngen, was mir gut gefallen hat. Allerdings muss ich gestehen, dass mich der Erzählstrang aus Ruths Vergangenheit mehr berühren konnte. Die Abschnitte waren emotional, greifbar und authentisch geschildert. Die Abschnitte aus dem Jahr 2015, konnten mich dagegen nur selten berühren. Die Protagonisten Alexander und Gry waren für mich die meiste Zeit nicht greifbar, blieben blass und wenig lebendig. Auch haben sich die Abschnitte meiner Meinung nach sehr gezogen. Der unerwünschte Kinderwunsch beider Protagonisten nimmt hier einen großen Teil ein und ich muss sagen, hier wurde gute Recherearbeit betrieben. Das Prozedere wurde eindrücklich und detailiert beschrieben, was ich widerrum interessant fand. Eine Wendung kam bei mir erst gegen Ende. Hier fand ich Alexanders und Grys Abschnitte auch interessanter, da in kleinen Schritten eine Entwicklung zu spüren war. Unter anderem wird auch das Thema vererbtes bzw. übernommenes Traumata angesprochen. Hier hätte ich mir gerne noch etwas mehr Tiefe gewünscht. Woher Alexanders Probleme rühren, wird in Ansätzen sichtbar, aber hier hätte es meiner Meinung nach mehr Potential gegeben. Positiv fand ich dagegen auch, wie die Liebe zur Musik eingebunden wurde. Das Ende war für mich zwar stimmig und es blieben keine Fragen offen, aber so wirklich fühlen konnte ich es leider auch nicht. Dennoch lohnt es sich, alleine wegen Ruths Erzählstrang die Geschichte zu lesen. Hier hätte ich gerne noch viel mehr gelesen.

Großmutters Geheimnis
Großmutters Geheimnisby Benjamin KoppelFISCHER
2. Nov.
Rating:4.5

Judenverfolgung, Selbstfindung, Kinderwunsch, Trauma

worum geht es: Alexander ist Musiker in einer Cover Band, und irgendwie zieht sich das durch sein gesamtes Leben: er lebt es nicht authentisch und lässt sich treiben. Er unterzieht sich einer Kinderwunschbehandlung, aber eher, weil seine Freundin Gry es möchte. Er trinkt zuviel Alkohol und kokst auf den Events, auf denen er spielt. Das wirkt sich auf seine Zeugungsfähigkeit aus, und irgendwann reißt Gry der Geduldsfaden und sie schmeißt ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Dazu hat Alexander noch eine sehr übergriffige Mutter, die sich in vieles ungefragt einmischt und ihm immer das Gefühl gibt, nicht angenommen und wertlos zu sein. Parallel dazu erfahren wir von Alexanders' Großmutter Ruth, die keinen Kontakt mehr zu Familie hat und in einem New Yorker Pflegeheim lebt. Ruth ist blind und hat im Laufe der Jahre immer wieder Kassetten für ihren Enkel besprochen und ihm zugeschickt, die die Mutter ihm leider vorenthalten hat. Als Alexander diese findet, zeigt sich ihm eine schreckliche Familiengeschichte, die Schuld, Scham und Schweigen offenbart. Mein Leseeindruck: Ziemlich schnell hatte ich hier die Charaktere in "gut" und "böse" eingeteilt, habe das aber nicht mit Benjamin Koppel gerechnet. Die Hauptfiguren agieren oft so, dass sie unverzeihliche Fehler begehen, die aber in ihrer Historie begründet liegen. Es gibt hier kein Schwarz und kein Weiß und jede der Protagonisten hat einen vielschichtigen Charakter, macht Fehler und lernt mehr oder weniger daraus. Alexander begreift, dass er an einem sekundären Trauma leidet, an dem die Familie zu tragen hat. Durch die Verbindung zur Großmutter und durch seine Musik gelangt er nun zu Authentizität und trifft eigene Entscheidungen. Ich fand die Geschichte mit den zwei Erzählsträngen sehr interessant, allerdings war mir schnell klar, was das eigentliche Trauma gewesen ist und woran sowohl Ruth als auch ihre Tochter und Alexander zu tragen haben. Trotzdem finde ich das Thema "sekundäres Trauma", das der Autor aufgegriffen hat, wirklich spannend. Kriegsenkel haben oft noch mit aus Stress bedingten Ängsten und Verhaltensweisen zu tun, die ihnen gar nicht bewusst sind. Dass dies tatsächlich genetisch weitervererbt wird, lässt sich in Studien nachweisen. Lediglich der Schluss der Geschichte war für mich ein wenig kitschig. Andererseits bin ich auch froh über das Ende, anderenfalls gäbe es keine Hoffnung mehr auf dieser Welt.

Großmutters Geheimnis
Großmutters Geheimnisby Benjamin KoppelFISCHER