
Was zur Hölle war das denn? 🤯😵💫
James Willoughby verlässt sein geschütztes Leben in Oxford, um in Edinburgh Medizin zu studieren, wo ihm schnell klar wird, dass akademischer Ehrgeiz wenig nützt, wenn einem für die chirurgische Ausbildung das Entscheidende fehlt: ein menschlicher Körper. Nye MacKinnon, ein charismatischer Sezierer mit fragwürdigem Geschäftsmodell, bietet eine Lösung an und zieht James damit in eine Welt hinein, die aus Grabräuberei, Leichenhandel und „moralischer Verwahrlosung“ besteht. Irgendwann ist der Roman dann dort, wo er sein müsste: im Dreck, im Zwielicht, im historischen Graubereich zwischen Wissenschaft, Profit und Verbrechen. Das wäre ein starkes Fundament für einen düsteren, beklemmenden und vielleicht sogar verstörenden Stoff. Leider bleibt es beim Konjunktiv. Denn dieses Buch ist für mich vor allem eines: Kernschrott. Der Stil wirkt hölzern, schwerfällig und auf eine sehr anstrengende Weise gewollt. Atmosphäre: Fehlanzeige. Da wird Stimmung behauptet, aber nichts trägt. Man hat ständig das Gefühl, der Text wolle krampfhaft bedeutungsvoll klingen, ohne aber Wirkung zu erzeugen. Ob das an der Übersetzung liegt oder schon im Original so steif daherkommt, kann ich nicht beurteilen. Das Original will ich mir nur dafür aber nicht auch noch antun müssen… Inhaltlich tritt das Ganze dann auch noch über weite Strecken auf der Stelle. Die Thematik rund um Leichenraub im Edinburgh des 19. Jahrhunderts ist keineswegs neu, was überhaupt kein Problem wäre, wenn der Roman daraus wenigstens etwas Eigenes machen würde. Tut er aber nicht. Ich habe deutlich bessere Bücher im gleichen Setting gelesen. Gerade die Reihe um Frey und McGray von Oscar de Muriel arbeitet mit Figurenausarbeitung, Atmosphäre, Milieu und erzählerischer Spannung sehr viel souveräner. Dort entsteht eine Welt. Dort hat man weitestgehend den Eindruck, dass die Stadt, die Figuren und das Grauen tatsächlich ineinandergreifen (zumindest in den ersten Bänden). Hier wirkt das World Building dagegen erstaunlich dünn. Edinburgh bleibt Kulisse. Das Historische bleibt Dekoration. Das Morbide bleibt Behauptung. Und das ist für einen Roman, der so sehr von seiner düsteren Anlage leben müsste, schlicht zu wenig. Noch schwächer sind die Figuren. Ich konnte mit niemandem sympathisieren, und das liegt nicht daran, dass Figuren unbedingt sympathisch sein müssen, sondern daran, dass sie wenigstens irgendeine Form von Kontur brauchen. James ist ein unsympathischer, langweiliger Schnösel. Die anderen Personen, denen er in Edinburgh begegnet, bleiben blass, austauschbar und emotional völlig fade. Selbst sein love interest! Es ist einem schlicht egal, was mit ihnen passiert. Und Gleichgültigkeit ist für einen Roman ein vernichtendes Urteil, weil sie alles lahmlegt: Spannung, Anteilnahme, Fallhöhe, Interesse. Wenn ich bei einer Geschichte über Verbrechen, Körper und moralischen Verfall nach jedem Kapitel denke, dass mir das alles ziemlich egal ist, dann hat der Text sein eigenes Ziel gründlich verfehlt. Dazu kommt, dass die Handlung vor sich hinplätschert, ohne klaren Spannungsbogen, ohne nennenswerte Entwicklung und ohne spürbare Veränderung im Protagonisten. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass etwas kippt, dass sich etwas zuspitzt, dass James in irgendeiner Form an dieser Welt zerbricht, sich an ihr verhärtet oder wenigstens sichtbar aus ihr hervorgeht. Nichts davon passiert. Es bleibt flach. Es bleibt belanglos. Vorhersehbar. Es bleibt in einer seltsamen erzählerischen Halbtrance stecken. Ich habe wirklich nach fast jedem Kapitel überlegt, ob ich abbrechen soll, weil das alles so dilettantisch wirkte. Und das wunderbarste Fail-Highlight: Die mit der Brechstange eingebaute queere Thematik. Nicht, weil ich grundsätzlich irgendein Problem mit gleichgeschlechtlicher Liebe in Literatur hätte. Im Gegenteil. Ich mag die Werke von Sarah Waters sehr, und auch Christoph Heins „Verwirrnis“ hat gezeigt, dass man entsprechende Figurenkonstellationen glaubwürdig, passend und literarisch überzeugend gestalten kann. Hier aber wirkt das Ganze reingepresst. Achtung, Spoiler: James wendet sich einem anderen Mann zu, und diese Szenen lesen sich, zumindest für mich, nicht organisch aus der Figur heraus, sondern so, als hätte man eine Idee unbedingt noch unterbringen wollen, obwohl weder die Figurenzeichnung noch die Tonlage des Romans das tragen. Und dann lese ich auch einfach die weibliche Perspektive einer männlichen Liebe. So wie sich die Autorin Leidenschaft zwischen zwei Männern vorstellt. Das war für mich nicht nur unpassend, sondern regelrecht befremdlich. Und das war dann für mich noch das i-Tüpfelchen, eben weil das Problem nicht die Thematik selbst ist, sondern die plumpe Art, mit der sie hier in einen ohnehin schwachen Roman reingepresst wurde. (Ja, ich weiß. Merkt man kaum, dass mich das echt wütend gemacht hat… 😡) Unterm Strich bleibt ein Buch, das aus starken Setting, fehlendem Plot, schwachem Worldbuilding, einer quasi nicht vorhandener Charakterzeichnung einen Haufen Nichts macht. Leichenraub, medizinische Ausbildung, 19. Jahrhundert, die Anfänge der Chirurgie, Verfall, Schuld, Begierde, Abhängigkeit, historische Finsternis — da läge genug Material für einen dichten, schmutzigen, packenden Roman. Stattdessen bekommt man einen Haufen Schrott. Nein. Einfach nein. In weiten Teilen einfach „alles gewollt und nichts gekonnt“. Lang nicht mehr so einen Murks gelesen. ⭐️













