Dieses Buch fühlt sich an wie Girlhood als Fiebertraum
Selten hat sich ein Buch für mich gleichzeitig so surreal, verstörend und trotzdem unglaublich nah angefühlt. Es ist definitiv kein „leichtes“ Buch und vermutlich auch keines, das jedem gefallen wird, aber genau das macht es für mich so besonders. Die Atmosphäre des Romans ist schwer zu beschreiben, weil sich beim Lesen permanent alles leicht entrückt anfühlt, fast wie ein Fiebertraum oder eine Erinnerung, die nicht ganz greifbar ist. Ich habe die Schreibweise wirklich geliebt. Sie ist stellenweise beinahe hypnotisch und erzeugt dieses eigenartige Gefühl zwischen Schönheit, Verfall und emotionaler Rohheit. Während des Lesens musste ich die ganze Zeit an diese melancholische Americana-Ästhetik denken, Lana Del Rey a.k.a. Lizzy Grant, Ethel Cain, Southern Gothic, schmutzige Lollipops, Kaugummis, lange Haare, Jeans Shorts, the virgin suicides,... dieses fragile, verwilderte Bild von Girlhood. Und ich glaube tatsächlich: Die Frauen/Mädchen, die dieses Gefühl verstehen, werden auch dieses Buch verstehen. Denn für mich geht es in diesem Roman unglaublich stark um Weiblichkeit und darum, wie schmerzhaft es sein kann, ein Mädchen oder eine Frau zu werden. Nicht auf eine romantisierte Weise, sondern eher körperlich, unangenehm, manchmal sogar abstoßend. Das Buch zeigt Girlhood nicht als etwas Zartes oder Schönes, sondern als etwas Ambivalentes, etwas, das gleichzeitig Sehnsucht, Gewalt, Scham, Begehren und Verlust in sich trägt. Besonders einige Stellen sind mir extrem im Kopf geblieben. Zum Beispiel der Satz: „Männer können eine Frau nur lieben, indem sie sie erniedrigen.“ Oder diese Passage über die „Schale Wasser“ in der Brust, die durch etwas Fremdes und Widerliches verunreinigt wird. Ich glaube, genau deshalb hat mich diese Stelle so getroffen, weil sie dieses Gefühl von verlorener Unschuld so präzise beschreibt. Dieses Empfinden, dass etwas in einem beschädigt oder beschmutzt wurde und dass man sein ganzes Leben versucht, mit diesem Verlust umzugehen. Ich denke, viele junge Frauen, leider oft schon Mädchen, können dieses Gefühl auf irgendeine Weise nachvollziehen. Auch die Passage über die Liebe beziehungsweise über den Körper eines Menschen fand ich unglaublich stark: „Ich liebte seinen Körper, diesen weichen, vertrauten Sack …“ Diese Art, Liebe nicht unbedingt als romantisches Ganzes wahrzunehmen, sondern eher fragmentiert, körperlich, beinahe destruktiv, das war für mich emotional sehr nachvollziehbar und erschreckend ehrlich beschrieben. Insgesamt ist Wir, wir, wir ein sehr komplexes, vielschichtiges und stellenweise wirklich unangenehmes Buch. Aber genau deshalb bleibt es so lange im Kopf. Es beantwortet nicht alles, es hinterlässt Fragen und ein seltsames Gefühl von Leere, Melancholie und Nachhall. „Schön“ ist wahrscheinlich das falsche Wort dafür, aber intensiv trifft es vielleicht besser. Ich würde es auf jeden Fall weiterempfehlen, allerdings eher an Menschen, die atmosphärische, psychologisch dichte und literarisch etwas experimentellere Bücher mögen.






















