
Herausfordernd!
„Die Ballade vom vakuumverpackten Hähnchen“ von Lucie Rico ist literarisch so gut in dem, was es tut. Es trennt uns von der Illusion, dass Fleischkonsum sauber, neutral oder ästhetisch harmlos sei. Und das ist unangenehm. Die Sprache ist roh, übergriffig nah, hier gibt’s keinen Raum für Emotionen. Selbst intime Szenen wirken dadurch gar nicht intim, sondern wie zwei biologische Prozesse, die sich kurz überschneiden. Und trotzdem: genau das ist die Logik des Buches. Hannah, die ich persönlich oft kaum ausgehalten habe, wirkt dabei weniger wie eine lebendige Figur als wie ein Experiment unter Laborbedingungen. Ihre Naivität, ihre Lebensuntüchtigkeit und dieses fast schmerzhafte Nicht-Verstehen der Systeme um sie herum, machen sie nicht sympathisch, sondern funktional. Der Plot ist klug gesetzt: ein Huhn mit Name wird zu „jemand“, während ein Huhn ohne Geschichte „etwas“ bleibt. Und zwischen diesen beiden Zuständen liegt keine biologische Differenz, sondern eine narrative Entscheidung. Was mich innerlich so zerrissen hat: Ich habe das alles verstanden. Sehr klar sogar. Und gleichzeitig wollte ich während des Lesens mehrfach aussteigen, weil es sich anfühlte, als würde mir jemand zeigen, wie mein eigenes Unbehagen produziert wird, während ich es noch empfinde. Herausfordernd! Und genau da sitzt dieser seltsame Konflikt: Ich halte das Buch für konsequent, klug und notwendig in seiner Brutalität. Und ich hätte es trotzdem am liebsten öfter aus der Hand gelegt und nie wieder angefasst. Vielleicht ist das die ehrlichste Form von Literatur, die es gibt: keine, die Spaß macht. Sondern eine, die dich zwingt zu bemerken, wie bewusst dein Mitgefühl manipuliert wird, während du versuchst, dich halbwegs moralisch durchs Leben zu bewegen. Schwerste Bewertung ever: persönlich 3/5, literarisch 4,5/5. Deshalb gibt’s ingesamt 4/5.





