18. Okt.
Post image
Rating:5

Am Ende eines langen literarischen Lebens verfasst Victor Hugo sein Testament und blickt auf die Mosaiksteine seines Werkes zurück, die ihn veranlassten, seinem Nachlassverwalter einen Leitfaden an die Hand zu geben. Entwürfe, Fragmente, verstreute Ideen, Verse oder Prosa, hier und da gesät, entweder in Heften oder auf fliegenden Blättern, füllten mehrere Bände und wurden unter dem Titel 𝘖𝘻𝘦𝘢𝘯 veröffentlicht. Hugo schildert seine Erlebnisse. Mitunter stichwortartig, beinahe nüchtern, stellenweise sogar regelrecht emotionslos, dann wiederum wortgewaltig und poetisch, spannend, wahrlich fabulös. Beginnend mit seinem Aufenthalt in Reims (1828), beschreibt er die wichtigsten Ereignisse seines Lebens und die politischen Umwälzungen seiner Zeit. Wir erleben die Revolution von 1830, stürmen an Hugos Seite die Barrikaden und befinden uns inmitten der Revolution von 1848. Eine der berührendsten Szenen war, als Victor Hugo, gemeinsam mit Alexandre Dumas den Sarg von Honoré de Balzac zum Friedhof Père-Lachaise begleitet. Victor Hugo, über die Jahre hinweg von persönlichen Tragödien und grausamen Schicksalsschlägen leidvoll geprüft, war politisch äußerst einflussreich und maßgeblich beteiligt an den wichtigsten historischen Ereignissen seiner Zeit. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, als entstiege er mit erhobener Faust aus den Seiten seines Jahrhundertromans. Er setzt sich unermüdlich für die Elenden ein, prangert die soziale Lage und die herrschende Politik an, Straßen werden nach ihm benannt, er wird als einstiger Royalist zum radikalen Republikaner und Fürsprecher der verelendeten Massen. Ich knie nieder, verneige mich voller Ehrfurcht vor diesem großen Mann.

Ozean
Ozeanby Victor HugoMatthes & Seitz Berlin