Süß, aber für meinen Geschmack leider zu kitschig und naiv…
Ich mochte die Geschichte um die 25-jährige Mila, die vor lauter Liebeskummer in ein Cottage nach Schottland flüchtet, um dort im beschaulichen Applemore die kauzigen Bewohner mit frisch gebackenen Broten um den Finger zu wickeln und sich dabei auch selbst zu finden, eigentlich ganz gern. Vor allem die älteren Bewohner des Örtchens haben es mir direkt angetan und die Atmosphäre, die Pauline Mai dort geschaffen hat, war wirklich schön zu lesen und hat mich über weite Strecken gut unterhalten. Achtung, es folgen Spoiler, die zwar nicht besonders detailliert ausfallen, aber trotzdem Teile der Geschichte vorwegnehmen: Was mir leider nicht gefallen hat, war das Tempo, in dem sich in Milas (Gefühls-)Leben gefühlt alles abgespielt hat. Das Buch erstreckt sich über fast 500 Seiten, was für einen Roman dieser Art eher überdurchschnittlich viel ist. Es wäre also eigentlich durchaus genug Zeit gewesen, sich die Dinge auch mal gemächlicher entwickeln zu lassen. Aber das Ganze begann bereits mit dem Grund für Milas Flucht nach Schottland: Nur zwei Wochen, nachdem sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte und ohne, dass es (bei lediglich zwei weiteren Begegnungen) auch nur den Ansatz einer einzigen körperlichen Annäherung gegeben hätte, war sie nämlich bereits unsterblich verliebt in Theo, einen Bekannten ihres besten Freundes. Dass Theo nicht nur in einer Beziehung ist, sondern sogar verlobt ist, erfuhr Mila unmittelbar nach der ersten Begegnung, was sie aber nicht davon abhielt, sich Hoffnungen zu machen, was kurze Zeit später dazu führte, dass sie das Land Hals über Kopf mit gebrochenem Herzen verlassen wollte, nachdem sie Theo und seine Verlobte zufällig in der Stadt gesehen hatte. Dieser extrem heftige Liebeskummer kam mir persönlich für das, was zwischen den beiden bis dahin passiert (bzw. eben NICHT passiert) war, nicht besonders authentisch und insgesamt ziemlich kindisch vor. Auch Wochen später und mit räumlichem Abstand konnte sie sich gar nicht beruhigen und trauerte Theo nach, als wäre es nach einer jahrelangen Beziehung zur Trennung gekommen und nicht, als müsste sie eine Schwärmerei nach wenigen Tagen für beendet erklären. Ihr Verhalten dabei kam mir oft vor, wie bei einem Teenager, der gerade die ersten Erfahrungen mit einer unerwiderten Liebe macht und dessen Welt in Trümmern liegt, weil der Schwarm mit dem Mädchen aus der Parallelklasse zusammen ist. Auch viele Dialoge, sowohl zwischen Theo und ihr, als auch zwischen ihr und ihren Freunden kamen mir wirklich nicht so vor, als würden gerade zwei Erwachsene miteinander sprechen, sondern die Gespräche hatten gerade, wenn es um die Liebe ging oft etwas sehr Kindliches an sich. Das ist mir auch später in der Beziehung zu ihrem neuen Partner Finley wieder aufgefallen und ich hatte den Eindruck, dass die Autorin (Jahrgang 1987) beim Schreiben noch sehr jung war oder sich einfach nicht richtig an „erwachsenere“ Themen in den Beziehungen herangetraut hat. Dafür spricht auch, dass sexuelle Anspielungen, wenn sie überhaupt vorkamen, eher peinlich berührt weggekichert wurden, explizite Spiceszenen gab es während der kompletten Handlung überhaupt nicht und außer ein paar scheuen Küsschen passierte rein gar nichts zwischen den Figuren, es gab nicht mal den Gedanken an mehr. Was natürlich grundsätzlich völlig in Ordnung ist! Ich brauche wirklich nicht in jedem Buch seitenweise Sex. Aber die Art und Weise, wie Pauline Mai in diesem Buch mit körperlicher Anziehung umgegangen ist bzw. dass selbige quasi überhaupt kein Thema war, während die Figuren zeitgleich aber davon redeten, dass ganz große Gefühle im Spiel waren, hat in meinen Augen nochmal mehr dazu beigetragen, dass die Charaktere für mich eher jünger und unreifer wirkten, als sie laut ihrer Beschreibung waren. Milas Entwicklung in Schottland von der „Neuen aus Deutschland“, die erst einmal kritisch beäugt wurde zu „unserer lieben Mila“, die ein absoluter Segen für Applemore und seine Bewohner war, die „absolut hierher“ gehörte und die wie selbstverständlich selbst zu den verschlossensten Menschen im Dorf sofort einen Draht fand und nach nur zwei Monaten zu „Everybody‘s Darling“ mutierte und die beste Freundin aller wurde, war mir dann leider auch ein bisschen zu übertrieben. Natürlich taten sich pünktlich zum eigentlich geplanten Abschied dann plötzlich auch beruflich alle neuen Türen zeitgleich für sie auf. Sei ein solches Szenario im echten Leben auch noch so utopisch und realitätsfremd: Für Mila war auch hier alles möglich. Obwohl sie weder eine Ausbildung noch irgendwelche Vorkenntnisse in diesem Bereich hatte, ohne eine entsprechende Ausstattung oder auch nur eine einzige formelle Hürde wurde da eben aus der Hobby-Bäckerin eine Unternehmerin und mal schnell die Entscheidung für eine eigene Bäckerei getroffen. 🤷🏼♀️ Und, ihr werdet es ahnen: Selbstverständlich brauchte es von der ersten vagen Idee bis zur finalen Lösung auch nur wenige Tage. Applemore und seinen hilfsbereiten Bewohnern, die noch die alten Backmaschinen von Opa und eine komplette Wohnungsausstattung im Keller stehen haben (denn natürlich findet Mila auch noch direkt ihre Traumwohnung), sei Dank. 😛 Ob die rührende Liebesgeschichte, die zur Krönung natürlich auch nicht fehlen durfte, aber wirklich im großen Finale schon nach dem ersten Kuss den filmreifen Liebesschwur gebraucht hätte? Für mich persönlich eher nicht, aber wer den ganz besonders dicken Kitsch mit extra viel Zuckerguss obendrauf mag, kam auch hier noch einmal voll und ganz auf seine Kosten. Dass Mila sich nur wenige Seiten vorher eigentlich noch geschworen hatte, sich nicht mehr von den Männern im Allgemeinen und ihrem (Ex-) Mitbewohner Finley im Speziellen abhängig zu machen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, war nach dieser großen Geste („die schönste Liebeserklärung meines Lebens“) natürlich sofort vergessen. Aber es sei ihr und ihrem Finley natürlich gegönnt, dass sie endlich glücklich verliebt in ihr neues Leben in Applemore starten können, während das ganze Dorf Beifall klatscht. 😉 Und nein, das passiert so nicht wirklich, aber es hätte mich nicht gewundert, wenn tatsächlich sämtliche Bewohner Zeugen dieser Situation geworden wären und die Vereinigung der beiden Applaus gespendet hätten. Zum insgesamt großen Pathos der Geschichte hätte es in jedem Fall gepasst. 🙃 Mir persönlich war hier oft einfach alles eine Nummer zu groß, von allem ein bisschen zu viel und immer ein bisschen zu drüber. Wer aber bereit ist, darüber hinwegzusehen und dem Kitsch seinen Raum zu geben, bekommt wirklich eine (manchmal etwas zu) zuckersüße Geschichte mit größtenteils liebenswerten Charakteren in einem schönen schottischen Setting. Deshalb gibt es von mir trotz der oben beschriebenen Kritikpunkte noch gute 3 von 5 Sternen. 😊



















