Hier wird sehr viel in die Vergangenheit geschaut um gesellschaftliche Entwicklungen zu durchleuchten und ins Verhältnis zu setzen. Darauf fußend wird das Thema der Sensibilität sehr philosophisch behandelt.
Ich hatte mir erhofft, dass der Fokus dieses Buches noch mehr auf die Gegenwahrt gerichtet ist und das Spannungsfeld unserer Gesellschaft HEUTE noch stärker diskutiert wird. Stattdessen liefert dieses Buch eher ein Zusammenfassung der "Evolution der Sensibilität", wenn man so will.
Auch gut, war aber nicht das, was ich jetzt hören wollte 😄
Darf man das N-Wort zitieren? Wenn ich frage „Wo kommst du her?“, ist das schon Rassismus oder nur eine interessierte Nachfrage? Wo fängt Sexismus an? Bei einem Kompliment, beim Griff an den Po oder beim Gebrauch des generischen Maskulinums? Auf dieses Buch habe ich mich lange gefreut! Vorab: Man muss in der richtigen Mood sein, um sich durchzuarbeiten. Daher hat mich das Lesen trotz der kurzen 240 Seiten knapp 1.5 Monate gekostet. ABER, es hat sich gelohnt!
📚 Buchinhalt: Menschheitsgeschichtlich steht die Sensibilisierung für Fortschritt: Menschen schützen sich wechselseitig in ihrer Verletzlichkeit, werden empfänglicher für eigene und fremde Gefühle, lernen, sich in fremde Schicksale hineinzuversetzen und mit anderen zu solidarisieren. Je „woker“, desto „besser“ der Mensch und alle anderen müssen „gecancelt“ werden. Bis wir ein einer Seifenblase leben, die bei jedem Atemhauch einer Fliege zerplatzen und „Traumata“ auslösen könnte? Was ist heute per Definition ein „Trauma“, wenn Kriegsveteranen und Menschen, die keine Nudeln sehen können, den Begriff identisch nutzen? Diese Entwicklung hat eine Kehrseite: Anstatt uns zu verbinden, zersplittert & atomisiert die Sensibilität die Gesellschaft. Wir erleben gerade den Kipppunkt fortschreitender Sensibilisierung. Svenja Flaßpöhler erzählt die Geschichte des sensiblen Selbst aus philosophisch-historischer Perspektive und beleuchtet die zentralen Streitfragen der Zeit. Nicht jeder Schmerz muss ausgehalten werden, aber auch nicht jeder muss gesellschaftlich verhindert werden.
👍🏽 PRO: Inhaltlich umfangreich, aber dennoch sehr kurzweilig und knackig geschrieben. Ein roter Faden führt von Kapitel zu Kapitel, was es einem leichter macht, bei der Informationsverarbeitung und die Herangehensweise der Analyse zu verfolgen. Wer es versteht, wird sehr viel mitnehmen können!
👎🏽 KONTRA: Die große Frage bleibt am Ende offen, wohin diese Entwicklung führen mag. Mir fehlte ein Ausblick der Autorin. Das Buch endet etwas abrupt. Ab und an ist es etwas zäh zu lesen (aufgrund der trockenen Schreibweise und dem information overload.
⭐⭐⭐⭐: Für alle gesellschaftsinteressierten eine klare Leseempfehlung. Präzise Ableitungen, logische Rückschlüsse und reflektierte Vergleiche.
Mir hatten negative Ansätze hier einfach viel zu viel Platz, mir haben generell ganz oft Triggerwarnings gefehlt und ich konnte mich den abschließenden Worten einfach nicht warm werden. Not my case. Sicher nicht verkehrt, wenn man sich dem Thema neu nähert oder eben nicht mit einem stark linksfeministischen Standpunkt gesegnet ist.