Zwischen Pflicht und Sehnsucht Für mich ein Roman der vor allem von Anpassung, verpassten Chancen und davon, wie lange gesellschaftliche Erwartungen ein Leben bestimmen können erzählt.
Wir folgen den Gedanken von Barry, einem Antiguaner Mitte siebzig, der den größten Teil seines Lebens in England verbracht hat. Immer wieder ringt er mit der Frage, ob er aus dem Gefängnis seiner Ehe ausbrechen und mit seiner Jugendliebe zusammenziehen soll. Das Problem: Es ist ein Mann. Für Barry war es nie eine echte Option, sich den gesellschaftlichen Erwartungen seines Herkunftslandes zu entziehen – und auch im vermeintlich progressiveren England bleibt er als Einwanderer mit starkem Anpassungsdruck konfrontiert. So verharren er und seine Frau bis zum Erzählzeitpunkt in einer Ehe, die beide unglücklich macht, während sie gemeinsam zwei Töchter großziehen. Die Perspektive wechselt zwischen Barry und Carmel. Während wir Barry im Hier und Jetzt folgen, erzählen Carmels Kapitel von der Vergangenheit. Formal ist das interessant gelöst: Jedes ihrer Kapitel besteht aus einem einzigen langen Satz. Erstaunlich, aber gut lesbar und eine besondere formale Entscheidung. Die langen Sätze wirken fast wie ein Gedankenstrom aus Erinnerungen und unausgesprochenen Verletzungen. Barry blieb mir über weite Strecken unsympathisch. Obwohl er selbst Erfahrungen mit Ausgrenzung macht – als Einwanderer und als homosexueller Mann – vertritt er häufig Ansichten, die stark an das Denken eines „alten weißen Mannes“ erinnern und wirkt dabei erstaunlich wenig reflektiert. Wäre nicht der trockene Humor des Buches gewesen, hätte ich es vielleicht irgendwann aus der Hand gelegt. Auch das Ende empfand ich als etwas hastig erzählt – fast ein wenig zu gut, um wahr zu sein.


















