Rating:4★
Meisterwerk mit Makeln
Neuromancer ist ein sehr verwirrend geschriebener Roman, der sich beim Schreibstil sehr am Pulp-Kriminalroman orientiert. Gibson hetzt den Leser durch die Story, ohne ihm eine Atempause zu gönnen und haut ihm dabei ein Fachvokabular um die Ohren, das im Jahr 1984 sicher keiner verstanden hat, denn Neuromancer ist das Erste seiner Art: die Geburtsstunde des Cyberpunk. Zuvor hatte man nicht von Konsolen-Cowboys, Straßensamurais oder von der Matrix gehört, nicht in der Form. Gibson zeichnet ein düsteres Bild einer Zukunft, in der Konzerne allmächtig und alles beherrschend sind, in der Drogen billig und leicht zu bekommen sind und Menschenleben keinen großen Stellenwert haben. Vor dieser neongrellen Kulisse erzählt Gibson im Grunde genommen eine klassische Heist-Story mit Neo Noir Elementen. Es fällt nicht leicht, der Story zu folgen, und bis heute, obwohl ich das Buch jetzt zum vierten Mal gelesen habe, bin ich nicht sicher, ob ich die Geschichte völlig verstehe. Daher auch nur 4 Sterne, denn ein wenig mehr Klarheit hätte der Story gut getan. Zudem gibt sich Gibson keine große Mühe, die Protagonisten seiner Story irgendwie sympathisch erscheinen zu lassen, so wirklich likable ist keiner. Und einige Konzepte und Szenen sind ganz schön harter Stoff. Aber Gibson hat hier eines der eigenständigsten Subgenres der Sci-Fi-Literatur erschaffen, auf dessen Gerüst andere Autor*Innen fantastisches erschaffen haben, und dafür gebührt ihm Respekt und Dankbarkeit. Wer weiß, ob Mike Pondsmith ohne Neuromancer je das Rollenspielsystem Cyberpunk erschaffen hätte, auf dem wiederum Shadowrun aufbaut, und zahllose Animes, Bücher und sonstige Medien. Also sei Neuromancer allen empfohlen, die immer mal wissen wollten, was die Geburtsstunde des Genres war. Das hier ist sie, in all ihrer neongrellen, chromleuchtenden, drogengeschwängerten und erwachsenen Herrlichkeit.
Neuromancerby William GibsonTropen