
„Die blinde Eule“ als Schatten eines verlorenen Ichs wird im gleichnamigen Kurzroman des persischen Autors Sadeq Hedayat verhandelt, das 1936 in Bombay durch den Autor selbst veröffentlicht wurde und zu einem der Klassiker der persischen Moderne zählt. Der vor Pessimismus und Sehnsucht strotzende Inhalt folgt keiner wirklichen Stringenz, verdreht Wahrnehmungen, wiederholt sich und schwebt in einem mythischen Zustand zwischen Albträumen und Wirklichkeit. Der Protagonist ist Federkastenmaler und schreibt über sein Leiden, seinen Wunsch nach einem Ende, beständig und verzweifelt. Das Motiv eines buckligen alten Mannes, der zusammen mit einer in schwarz gekleideten Frau sitzt, erscheint ihm wiederkehrend in Träumen und Realität, verkehrt sich ins sich selbst und taucht in seinen Wiederkehrungen adaptiert mit wechselnden Personen und Konstellationen auf. Durch diese Adaptionen wird inhaltlich der Blick auf die Einsamkeit und versagten Begierden des Protagonisten geschärft, aber er verfängt sich gleichzeitig in einer Illusion, das Reale begreifen zu können. Fiebrig getrieben durch eigenes Hinterfragen seiner noch bestehenden Existenz, findet der Federkastenmaler zeitweise durch einen opiatischen Rausch erlösende Betäubung, bevor das wahnhafte Suchen wieder beginnt. „Kaum auf die Welt gekommen, sind wir schon einer ständigen Überprüfung ausgesetzt. Unser Leben ist ein einziger Alptraum im Räderwerk der Justiz.“ (Hedayat 1963 nach Maroufi 2021, S. 161) Dieser verschriftlichte und vermonologisierte Roman schafft es, Leser*innen beständig zu irritieren. In Hedayats anderen Werken ist das Thema des Verwischens der Grenze zwischen Leben und Tod zentral, Hedayats eigenes Leben war geprägt von Sehnsucht nach dem Tod. Gleichwohl schwingt bei „Die blinde Eule“ auch eine gesellschaftliche Skepsis mit, die die Bedingungen des Lebens herausfordert und ein pessimistisches Urteil fällt. Die Kontextualisierung des Werks durch das Nachwort von Abbas Maroufi gibt dahingehend einen sehr guten Ein- und Überblick. Wer einen Blick über den westlichen Tellerrand der Literatur wagt, wird hier mit einer ausdrucksstarken Lektüre belohnt, die viel abverlangt, aber auch viel gibt.

