Nicht dein Mindset, sondern das System
Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf ist kein Buch, das gefallen will. Es will aufrütteln. Und das gelingt ihm. Die Autorin bzw. der Autor stellt gängige Selbstoptimierungs- und Achtsamkeitsnarrative infrage und rückt stattdessen strukturelle Ungleichheit, Kapitalismuskritik und Klassenbewusstsein ins Zentrum. Viele der vertretenen Positionen werden manche Leserinnen und Leser als radikal empfinden. Doch gerade hier liegt die Stärke des Buches: Die Argumente sind sorgfältig recherchiert, mit Quellen unterlegt und theoretisch fundiert. Statt bloßer Parolen bietet es eine ideologisch klare, aber argumentativ gestützte Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse. Besonders überzeugend ist, wie das neoliberale Versprechen von „Selflove“ als individualisierende Strategie entlarvt wird, die systemische Probleme ins Private verschiebt. Nicht dein Mindset ist das Problem, sondern die Struktur. Diese Perspektivverschiebung ist unbequem, aber erhellend. Allerdings haben mich nicht alle Teile gleichermaßen überzeugt. Vor allem der Poly-Aspekt wirkte auf mich stellenweise etwas verkürzt oder zu eindeutig in eine politische Richtung argumentiert. Hier hätte ich mir mehr Differenzierung und ein stärkeres Eingehen auf Ambivalenzen gewünscht. Während viele gesellschaftliche Analysen sehr präzise und fundiert erscheinen, blieb dieser Abschnitt für mich argumentativ etwas weniger ausgereift. Auch sprachlich hätte das Buch an manchen Stellen noch zugänglicher formuliert sein können. Einige Passagen sind recht theoretisch und verlangen Konzentration. Gleichzeitig ist die Sprache insgesamt deutlich verständlicher als viele andere Texte aus diesem politischen Spektrum. Man merkt, dass hier der Anspruch besteht, Theorie nicht nur akademisch, sondern breiter vermittelbar zu machen. Gerade deshalb sollte man das Buch nicht unkritisch konsumieren. Weil es so pointiert argumentiert, lohnt es sich, die Thesen zu prüfen, Gegenpositionen mitzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen. Für alle, die sich politisch links verorten oder sich intensiver mit Klassenfragen auseinandersetzen möchten, ist dieses Buch dennoch eine klare Empfehlung. Es provoziert, bildet und zwingt zur Positionierung, auch dort, wo man nicht vollständig mitgeht.



















































