Verstörend, berührend, traurig...und irgendwie kurios-befremdlich, wie die Hauptfigur mit dem Suizid des Vaters, den eigenen Suchtproblemen und dem intrafamiliären emotionalen Bindungsdesaster umgeht. Die Perspektive springt zwischen vergangenen Erinnerungen und dem aktuellen Erleben hin und her...und führt vor Augen wie tief nicht nur der Verlust beim Protagonisten geht, sondern lässt auch Einblicke zu, was alles auch im Leben des Vaters schiefgelaufen zu sein scheint...
„Der Blick meines Vaters sank genau dorthin, in die Tiefe, an den Grund, zurückgezogen aus diesem Raum hier, aus dem Körper in dem Raum, aus der Beziehung, die der Körper zu irgendwas und irgendwem gehabt hatte oder eingegangen war, aus allen Zusammenhängen und Bildern.“ Der Umgang mit dem Tod des Vaters wird mal poetisch, mal brutal geschildert. Ersteres zog mich an, Letzteres stieß mich ab. Womöglich war genau das der gewünschte Effekt…
Ein Sohn versucht das Unbegreifliche zu begreifen. Sein Vater hat sich das Leben genommen. Mario versucht den Schmerz und die Trauer seines Vaters zu fassen und erinnert sich an seinen schwermütigen Vater. Er versucht die Liebe zu seinem Vater zu verstehen sowie die eigene Trauer und den tiefen Schmerz über den Verlust seines Vaters zu begreifen. Er betäubt sich mit Alkohol und hält die Sehnsucht nach seinem Vater fest. Als er in einem Fremden seinen Vater erkennt, kann er sich nicht von diesem lösen. Er begleitet still und ungesehen einen heroinsüchtigen Mann in seinem Alltag und seinem Schmerz. Empathisch und vielschichtig erzählt die Autorin von Leid und Trauer. Sie eröffnet einen warmen Blick auf Trauer, Depression, Schmerz und Sucht sowie den Rand der Gesellschaft. Dabei erzählt sie berührend über eine Verbindung aus Liebe und Schmerz zwischen Vater und Sohn. Die Thematik des Romans wiegt dabei schwer und macht ihn kaum zu einem angenehmen und dennoch zu einem überwiegend guten Leseerlebnis. Nach einem langatmigen Einstieg konnte Inga Machel mich mit ihrer besonderen Geschichte sowie mit präzise gewählten Sätzen berühren.
Dieser Roman hätte den Preis der Leipziger Buchmesse 2024 (auch) verdient gehabt. Er hat mich gefesselt, berührt, manchmal rat- und trostlos, oft auch traurig und nachdenklich zurückgelassen... Leseempfehlung!
Marios Vater hat sich vor einen ICE geworfen und ist damit aus dem Leben verschwunden. Nun hat auch Mario sich verloren und irrt - zumeist schwer betrunken - durch die Straßen Berlins. Dann trifft er auf P. - einem heroinabhängigen Junkie, der sich von Schuß zu Schuß ebenfalls durch die Stadt bewegt. Mario erkennt in P. eine Parallele zu seinem Vater, zu dem Leben mit seinem Vater und zu sich selbst. Er folgt P. und wird Zeuge seiner täglichen, sehr schweren, Lebensumstände - und zwar wortwörtlich bis zum Ende. Man kann eigentlich nicht viel mehr zu dem 160 Seiten langen Debüt der Autorin sagen - oder ich kann es nicht - denn es spricht in seiner Kraft für sich selbst. Mich hat es zum Teil etwas verstörrt, jedoch auch gnadenlos gepackt; immer wieder habe ich mich an Salingers „Der Fänger im Roggen“ erinnert gefühlt. Ein junger Mann, der verloren durch die Stadt irrt, auf der Suche nach etwas, das er nicht greifen kann. Dazwischen immer wieder Rückblenden auf das Leben mit und um den Vater. Einem Mann, der selbst von der Liebe zum Leben erschlagen wurde; der plötzlich um das Leben weint, weil er sich in diesem nicht zurecht findet. Ein - meiner Meinung nach - manisch depressiver Mann, der sich verlassen fühlt, der verlassen ist, von Frau und Kindern. Eigentlich liebt er das Leben, kann es jedoch nicht greifen, so dass er es schließlich n ur noch verlassen will. Und nun ist es an Mario, das Leben seines Vaters, sein eigenes Leben und die Beziehung zu seinem Vater aufzuarbeiten. Ein sprachgewaltiges Buch, welches man lesen sollte, wenn man Road-Bücher, Coming-of-Age-Bücher und Sozialdramen mag. Ich warne jedoch davor, dass es einen sehr tief berühren kann, wenn man ähnliche Erfahrungen im nahen Verwandtenkreis - schlimmstenfalls mit dem eigenen Vater gemacht hat. Von mir 5/5 „Ich war so stolz, sein Sohn zu sein, dass ich in ihn eintauchte wie in den acht mal vier Meter großen Swimmingpool in Nicos Garten, in dem ich sowas wie eine andere Welt fand. Eine, in die ich immer reinkonnte, selbst, wenn mein Vater mal nicht da war.“ „Dass er mich vielleicht gar nicht in seinem Leben wollte, jedenfalls nicht um jeden Preis.“ „In seinem Gesicht gab es gar keine Spuren mehr, nur den weit geöffneten Mund und ein paar dunkle Lücken, wo früher keine gewesen waren.“ „…bis auf das Trinken selbst und das Noch-mehr-Trinken, das aber zum Sterben leer war, so kam es mir in letzter Zeit immer häufiger vor, todesartig.“




