
Zwischen Schuld, Schmerz und der Frage, wie gut man einen Menschen wirklich kennen kann
Das Buch "Wasser" von John Boyne beginnt nicht laut. Kein dramatischer Knall, kein großes Spektakel. Es erzählt von Vanessa Carvin, einer Frau, die vor den Trümmern ihres eigenen Lebens flieht. Ihr Mann steht wegen schwerer Missbrauchsvorwürfe im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, die Presse zerreißt alles, was einmal privat war, und Vanessa zieht sich mit neuem Namen und kurz geschorenen Haaren auf eine kleine Insel vor der irischen Küste zurück. Zwischen tosenden Wellen, Einsamkeit und dieser fast greifbaren Kälte stellt sich ihr irgendwann die Frage, vor der sie eigentlich davonlaufen wollte: Wie viel kann man nicht gewusst haben, ohne trotzdem schuldig zu sein? Ich habe das Hörbuch gehört, gesprochen von Ute Piasecki und Ihre Stimme war ruhig, angenehm und fast zurückhaltend. Und ich war ehrlich überrascht, wie viel Wucht dieses vergleichsweise kurze Buch entwickeln kann. Man denkt zuerst, man bekommt vielleicht eine ruhige literarische Geschichte über Schuld und Trauer. Aber eigentlich zerlegt das Buch Stück für Stück eine komplette Existenz. Vanessa verliert nicht nur ihr bisheriges Leben. Sie verliert die Sicherheit ihrer Erinnerungen. Ihre Ehe. Ihr Vertrauen in den Menschen, mit dem sie dreißig Jahre verbracht hat. Und irgendwann auch das Vertrauen in sich selbst. Das schlimmste daran ist wohl dieser Gedanke, der sich immer wieder einschleicht: Wie gut kennt man einen Menschen wirklich? Kann man Jahrzehnte neben jemandem leben und trotzdem nie sehen, wer er tatsächlich ist? Oder wollte man gewisse Dinge einfach nicht sehen? Das Buch beantwortet diese Fragen nicht eindeutig. Und genau das mochte ich daran so sehr. Es lässt Raum für eigene Gedanken und Zweifel. Die Insel, auf die Vanessa geflüchtet ist, bietet das raue Meer, die Einsamkeit und Begegnungen mit den Menschen dort, die fast alle nicht sonderlich charmant und liebenswert sind. Alles dort fühlt sich trostlos aber irgendwie auch seltsam heilend an. Vanessa sucht dort keine Vergebung im klassischen Sinn, sondern eher irgendeinen Punkt, an dem sie wieder atmen kann. Einen Halt zwischen Schuld, Schmerz und der Frage, ob man nach so etwas und dem Verlust, der durch die Tat des Mannes noch so viel schwerer wiegt, überhaupt nochmal ein neues Leben beginnen darf. Besonders stark fand ich, dass Wasser das Thema Missbrauch behandelt, ohne sensationsgierig zu werden. Es geht nicht um schockierende Details. Und trotzdem liegt die Schwere die ganze Zeit über allem. Gerade dieses Nicht-Ausgesprochene macht vieles noch bedrückender. Man spürt permanent, wie tief die Wunden eigentlich gehen. Sowohl bei den Opfern, aber auch bei den Menschen im Umfeld, die plötzlich erkennen müssen, dass ihr ganzes Leben auf etwas aufgebaut war, das sie nie wirklich verstanden haben und nun alles in tausend Teile zersplittert ist. Und trotzdem steckt zwischen all dem Schmerz auch etwas Hoffnungsvolles. Leise zwar, aber da!!




























































