28. Aug.
Rating:2

Ein Genie zwischen den Zeilen verloren

Als ich die ersten Seiten von „Der Sündenfall von Wilmslow” aufschlug, fühlte es sich an wie der Besuch in einem Museum mit halbfertigen Exponaten – vielversprechende Ansätze, aber nirgends die erhoffte Vollendung. Ich war voller Erwartungen an dieses Buch gestartet. Alan Turing, diese faszinierende Figur zwischen Genialität und Tragik, schien wie geschaffen für eine packende literarische Umsetzung. Lagercrantz hatte alle Zutaten für einen großartigen Roman in der Hand – doch beim Lesen beschlich mich zunehmend das Gefühl, als würde der Autor selbst nicht wissen, welche Geschichte er eigentlich erzählen möchte. Was mir gefallen hat: Die Figur Alan Turing selbst ist durchaus interessant gezeichnet. Lagercrantz gelingt es, einige Facetten des Mathematikers und Codebrechers zu beleuchten, und man spürt die Faszination für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Die historischen Bezüge sind solide recherchiert. Doch hier beginnen auch schon meine Kritikpunkte: Das Buch schwankt unentschlossen zwischen den Genres. Mal will es Krimi sein, dann wieder historischer Roman – und wird keinem davon wirklich gerecht. Die Tiefe, die ich mir von einer Turing-Geschichte erhofft hatte, bleibt aus. Alle anderen Figuren wirken wie Statisten auf einer Bühne, die nur da sind, weil jemand sie dort hingestellt hat. Sie haben weder Profil noch Zweck. Die eigentliche Geschichte konnte mich nicht abholen und hinterließ mich seltsam unberührt. Am Ende fühlte sich das Buch für mich an wie ein Puzzle mit zu vielen fehlenden Teilen, die Konturen sind erkennbar, aber das große Bild bleibt verschwommen. Nur Alan Turing selbst rettet dieses Werk vor dem völligen Scheitern.

Der Sündenfall von Wilmslow
Der Sündenfall von Wilmslowby David LagercrantzPiper