3. Apr.
Rating:5

Widerstand und Zukunftsglaube

Mit "Nein sagen" hat Matthias Brandt ein kleines, aber nicht weniger wichtiges Buch geschrieben. Ich habe es als Hörbuch gehört, das er selbst eingelesen hat. Großartig! Als Matthias Brandt 2025 gebeten wird, zur Erinnerung an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee eine Rede zu halten, will er zunächst ablehnen. Er hält diese Rede dann doch und ist froh, sie gehalten zu haben. In seinem Buch erfahren wir viel aus seiner eigenen Biografie als Sohn von Willy und Rut Brandt. Er zeigt auf, dass Widerstand nicht Kampf bedeuten muss, dass es auch andere Wege des Widerstands gibt. Er analysiert Parallelen zwischen damals und heute, vergleicht die Nazis aus dem dritten Reich mit der AfD heute. Er vergleicht den Sprachgebrauch der Nazis mit dem der AfD und deren Umgang mit der Vergangenheit, wie die AfD ein Foto von Willy Brandt für eigene Wahlkampfzwecke benutzt hat. Brandt analysiert die Strategie der Partei, Wähler in eine Opfermentalität zu drängen um sie auf ihre Seite zu bringen. Er zeigt aber auch auf, wie seine Eltern den Glauben an die Demokratie und die Zukunft nie verloren haben und dass Widerstand nicht zwecklos ist. Er berichtet von Gesprächen mit Schülern eines Gymnasiums, die Hoffnung machen. Brandt macht in seinem Buch deutlich, dass es sich lohnt für die Demokratie zu kämpfen: mit Worten und Diskussionen mit Andersdenkenden, die unter Umständen die Tragweite der jetzigen Situation noch nicht begriffen haben. Damit meint er nicht den Widerstand als Einzelner gegen Gruppen,für weniger mutige Menschen gibt es auch die Teilnahme an Demonstrationen um zu spüren, dass es Gleichgesinnte gibt. Es geht ihm nicht um Kampf, sondern um ein Eintreten für die Demokratie ohne Ausgrenzung jeder Art und Verschwörungstheorien. Ein eindrucksvolles Werk, dass es sich zu lesen oder hören lohnt. Ein Werk, das nachdenklich macht und gleichzeitig die Aufforderung in sich trägt, aktiv zu werden. Brandt versucht mit diesem Werk, Menschen davon abzuhalten einfach wegzusehen. Leider werden bestimmte Gruppierungen dieses Buch weder lesen noch hören. Eine Möglichkeit wäre, dieses Werk als Pflichtlektüre in Schulen einzuführen, um möglichst viele junge Menschen zum Nachdenken zu bringen. Eine absolute Lese- oder Hörempfehlung!

Nein sagen
Nein sagenby Matthias BrandtKiepenheuer & Witsch
20. März
Rating:5

Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute von Matthias Brandt ist ein eindringlicher, persönlicher und zugleich politisch reflektierter Essay über Verantwortung, Erinnerung und moralischen Mut. Im Zentrum steht der Attentat vom 20. Juli 1944. Jener gescheiterte Umsturzversuch um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und andere Beteiligte aus dem militärischen und zivilen Widerstand gegen das NS-Regime. Brandt nähert sich diesem historischen Ereignis jedoch nicht distanziert oder rein sachlich, sondern durch eine sehr persönliche Perspektive: die Geschichte seiner eigenen Familie. Sein Vater, Willy Brandt, stand für ein anderes Deutschland. Eines, das im Exil Widerstand leistete und nach dem Krieg Verantwortung übernahm. Gerade diese Verbindung von großer Geschichte und individueller Biografie macht das Buch so eindrucksvoll. Matthias Brandt stellt keine einfachen Fragen, sondern unbequeme: Was bedeutet es heute, „Nein“ zu sagen? Gegen wen oder was müsste sich dieses „Nein“ richten? Und wie viel Mut braucht es, sich gegen Mehrheiten oder gesellschaftliche Bequemlichkeit zu stellen? Sprachlich ist der Text klar, ruhig und reflektiert. Brandt verzichtet auf Pathos und moralische Überhöhung, was dem Buch eine besondere Glaubwürdigkeit verleiht. Stattdessen entfaltet sich eine nachdenkliche, oft leise Argumentation, die Leserinnen und Leser zum Mitdenken zwingt. Besonders stark sind die Passagen, in denen er die Distanz zwischen historischer Heldenverehrung und heutiger Realität beleuchtet: Der Widerstand von 1944 erscheint nicht als leicht übertragbares Vorbild, sondern als Maßstab, an dem sich jede Generation neu messen muss. Brandt nennt die Alternative für Deutschland nicht als einfachen „Gegner“, sondern eher als Symptom einer gesellschaftlichen Entwicklung. Es geht ihm nicht um parteipolitische Abrechnung, sondern um etwas Grundsätzlicheres: Wie reagieren wir, wenn demokratische Werte unter Druck geraten? Wenn Sprache härter wird, wenn Ausgrenzung wieder salonfähig scheint, wenn Geschichte relativiert wird? Das Buch legt nahe, dass „Nein sagen“ heute anders aussieht als 1944, aber nicht weniger wichtig ist. Es geht nicht um Attentate oder heldenhafte Gesten, sondern um Haltung im Alltag: Widersprechen, nicht wegsehen, Stellung beziehen, auch wenn es unbequem ist. Gerade darin liegt die emotionale Wucht des Textes. Denn Brandt macht klar: Die große Gefahr beginnt nicht mit radikalen Taten, sondern mit Gleichgültigkeit. Mit dem stillen Einverständnis. Mit dem Moment, in dem man denkt: „So schlimm ist es schon nicht.“

Nein sagen
Nein sagenby Matthias BrandtKiepenheuer & Witsch