Zu wild, zu wirr, zu unspektakulär!
George Psalmanazar taucht zunächst in Schottland auf, ohne klare Erinnerung an seine Herkunft. Weil er selbst nicht weiß, wer er ist oder woher er kommt, beginnt er, sich eine Identität zurechtzulegen – zunächst aus Orientierungslosigkeit und dem Bedürfnis, einen Platz in der Welt zu finden. Er liest ein Buch über Japan und Formosa und erzählt daraufhin, er komme von dort. Da gerade exotische „Wilde“ großes Interesse wecken, sieht der Bischof darin die Möglichkeit, Geld mit ihm zu machen. So fügt sich George zunehmend in die Rolle, die er selbst konstruiert, und spielt die Geschichte weiter aus. Die weitere Handlung, besonders ab dem Moment, in dem George zu Mr. Johnson nach England kommt, empfand ich jedoch als sehr wild. Nicht actionreich, sondern sprunghaft, überladen und teilweise schwer nachvollziehbar. Das liegt auch daran, dass der Roman sich nicht nur auf George konzentriert, sondern auf die zutiefst dysfunktionale Familie, in die er hineingerät. Die vielen Konflikte, Spannungen und unausgesprochenen Verletzungen innerhalb der Familie nehmen einen großen Raum ein und machen die Geschichte stellenweise schwer durchschaubar. Die Mutter flüchtet sich in den Zirkus, während die Tochter in einer viel zu frühen „Mutterrolle“ gefangen ist, ans Haus gebunden und emotional wie praktisch überfordert. Als George zunächst nach Oxford geht und später in den Krieg muss, bleiben Mutter und Kind zusammen mit dem Stiefvater, dem Sklaven und einer weiteren Frau, die plötzlich in der Familie auftaucht, zurück – begleitet von einer Mischung aus Sorge um George und einer leisen Sehnsucht nach seiner Rückkehr, die die angespannte Situation zusätzlich färbt. Ihre vermeintliche „Affäre“ wirkt dabei weniger wie eine echte romantische Entscheidung, sondern eher wie ein verzweifelter Versuch, dem eigenen Ersticken zu entkommen. Entkommen will sie durchaus, nur nicht mit diesem Mann – sie wollte immer nur George. Die zwei Szenen, in denen Blut von Mensch zu Tier bzw. von Tier zu Mensch übertragen wird, fand ich völlig unnötig und ekelhaft. Sie tragen keinerlei Bedeutung für die Handlung bei und hätten die Geschichte nicht gebraucht. Das Ende des Buches empfand ich als übertrieben romantisch und sehr unspektakulär: Am Schluss schippern sie einfach mit einem kleinen Boot davon, ohne dass ein richtiger Abschluss entsteht. Davor gibt es noch die Gerichtsverhandlung, die ich extrem langweilig fand. Es ist zudem von Anfang an klar, dass George seinen Sohn nicht wirklich gefressen hat, und dass er freigesprochen wird, kann man sich ebenfalls leicht denken – richtig überraschend ist das alles nicht. Am Ende bleibt Georges wahre Herkunft unklar. Zwar gibt er an, aus Polen zu stammen, doch wie glaubwürdig das ist, bleibt offen. Insgesamt hat mir „Der falsche Japaner“ ehrlich gesagt nicht wirklich gefallen. Die Geschichte war weder spannend noch besonders fesselnd, und die vielen Nebenstränge wirkten eher verwirrend als bereichernd. Man kann das Buch gelesen haben, muss es aber definitiv nicht.
