Literarisch brillant, gesellschaftlich mutig, kompromisslos – eines der wichtigsten deutschen Bücher der letzten Jahre.
Wenn eine harmlose Nachricht zum Symbol für ein System wird Inhaltswarnung vorweg: Das Buch behandelt sexualisierte Belästigung, Machtmissbrauch und MeToo-Themen. Wer dabei empfindlich reagiert, sollte das im Hinterkopf behalten. Ein Ich-Erzähler, unverkennbar Stuckrad-Barre selbst, nicht namentlich genannt, schwimmt im kalifornischen Pool seines milliardenschweren Freundes Sascha. Sascha ist Vorstandsvorsitzender eines mächtigen deutschen Medienkonzerns, eine schillernde, charismatische Figur mit Hang zum Größenwahn. Der Erzähler ist sein langjähriger Freund, Kritiker, Beobachter und Augenzeuge eines Systems, das er zunehmend nicht mehr ignorieren kann. Denn parallel zum Weinstein-Skandal in Hollywood erlebt der Erzähler, wie auch in Saschas Verlag ein Klima aus Machtmissbrauch und sexualisierter Belästigung herrscht. Eine junge Praktikantin erzählt von Übergriffen ihres Vorgesetzten, der nächtlichen Nachrichten mit der harmlosen Frage „Noch wach?“ beginnen. Der Erzähler steht vor einer Entscheidung: Wegsehen wie viele andere, oder die Loyalität zu seinem Freund Sascha riskieren und das System öffentlich machen? Der Roman wird weithin als Schlüsselroman zur Affäre um den Axel-Springer-Verlag und den Abgang von Julian Reichelt gelesen, auch wenn Stuckrad-Barre selbst auf der ersten Seite festhält, dass die Geschichte „in Teilen inspiriert von verschiedenen realen Ereignissen“ sei, aber „eine fiktionale Geschichte“ erzähle. Stuckrad-Barre ist sprachlich auf der Höhe seiner Kunst. Wer „Panikherz“ gelesen hat, weiß, wie scharf, witzig und gleichzeitig melancholisch dieser Autor schreiben kann. In „Noch wach?“ treibt er diese Stärke auf die Spitze. Seine Beobachtungen sind treffsicher, seine Dialoge sind so gut, dass man sie laut lesen möchte, seine Pointen sitzen. Was mich besonders beeindruckt hat: Stuckrad-Barre schreibt über schwere Themen, ohne sie schwer zu machen. Der Roman ist nicht das, was man von einem MeToo-Buch erwartet, kein pädagogisches Erklärwerk, kein Pamphlet. Es ist ein literarisches Stück, das durch Witz und Wahrheit funktioniert. Diese Mischung gelingt selten und macht den Roman zu einer der besten deutschen Veröffentlichungen der letzten Jahre. Die zentrale Figur ist Sascha: schillernd, manipulativ, charismatisch, kindlich, gefährlich. Stuckrad-Barre porträtiert ihn nicht als platten Bösewicht, sondern als komplexen Menschen mit Charme und Abgründen. Genau diese Ambivalenz macht die Figur so verstörend: Wir verstehen, warum der Erzähler ihn lange zu seinem Freund zählt. Wir verstehen aber auch, warum es immer schwerer wird, ihm gegenüberzustehen. Der Erzähler selbst, eindeutig autofiktional gezeichnet, ist genauso ambivalent. Er ist kein Held. Er sieht zu, er schweigt lange, er profitiert vom System. Sein eigener Weg vom Beobachter zum Aufdecker ist nicht heroisch, sondern zögerlich, von Selbstzweifeln durchsetzt, ehrlich. Genau das macht den Roman politisch glaubwürdig: Stuckrad-Barre erhebt sich nicht über andere, er beschreibt seine eigene Mitschuld am System. Hier liegt die zentrale literarische und gesellschaftliche Leistung des Buches. Stuckrad-Barre zeigt nicht einen Einzeltäter, sondern ein System. Wie Hierarchien funktionieren. Wie Schweigen produziert wird. Wie Loyalität ausgenutzt wird. Wie aus der harmlosen nächtlichen Nachfrage „Noch wach?“ eine Aufforderung wird, die jüngere Mitarbeiterinnen aus Angst beantworten. Was mich besonders gepackt hat: Stuckrad-Barre erklärt nichts, er zeigt. Eine Szene, in der eine Praktikantin nach einem nächtlichen Anruf zur Arbeit erscheint. Ein Dialog, in dem ein Vorgesetzter „nur“ einen Witz macht. Eine WhatsApp-Nachricht, die nichts Konkretes verlangt und doch alles andeutet. Diese Mikro-Szenen sind literarisch präziser als jede sachbuchähnliche Aufzählung. Wer das System verstehen möchte, in dem Machtmissbrauch entsteht, findet hier mehr Einsichten als in vielen Sachbüchern. „Noch wach?“ ist trotz aller Schwere oft erstaunlich komisch. Stuckrad-Barre hat ein Gespür für die Absurditäten der Medienbranche, für die Selbstinszenierungen mächtiger Männer, für die Klein-Tragikomödien des Alltags an der Spitze. Ich habe an einigen Stellen laut gelacht, um dann auf der nächsten Seite zu erstarren, weil aus dem Witz plötzlich der echte Schmerz hervorbricht. Diese Mischung ist Stuckrad-Barres eigentliche literarische Stärke. Wer ihn aus Talkshows oder Fernsehauftritten kennt, weiß: Er kann den Witz, aber er kann auch die Tiefe. Hier balanciert er beides perfekt aus. Das Lachen schützt nicht vor dem Schmerz, der Schmerz erstickt nicht das Lachen. Ein Wort zum Mut, den dieses Buch erforderte. Stuckrad-Barre war jahrelang mit dem Medienkonzern, der eindeutig als Vorbild gelesen wird, eng verbunden. Diesen Kreis zu verlassen und einen so schonungslosen Roman zu schreiben, hat in der deutschen Literaturlandschaft Seltenheitswert. Persönliche und juristische Risiken inbegriffen. Was mich besonders nachhaltig beeindruckt: Stuckrad-Barre kämpft im Roman nicht für sich selbst, sondern für die Opfer. Die Praktikantin, die nicht weiß, ob sie auf eine Nachricht antworten muss. Die jungen Frauen, die ihre Karriere riskieren, wenn sie sich wehren. Die Mitarbeiter:innen, die in einem toxischen Umfeld arbeiten und keine Stimme haben. Diese Solidarität ist nicht plakativ, sondern in jeder Zeile spürbar. Mein kleiner Vorbehalt: Wer mit den realen Vorlagen vertraut ist, wird beim Lesen oft auf die Wirklichkeit verwiesen. Das ist literarisch gewollt, kann aber dazu führen, dass man weniger den Roman selbst liest, sondern eher ein Rätselspiel betreibt: Welche Figur ist welche reale Person? Wer die ganze Affäre nicht im Detail kennt, wird das Buch vermutlich gelassener als reinen Roman lesen können. Trotzdem: Diese Schlüsselroman-Qualität ist Teil der literarischen Wirkung. Stuckrad-Barre arbeitet bewusst mit dieser Doppeldeutigkeit. Es bleibt ein literarisches Werk, aber eines, das die Wirklichkeit nicht hinter sich lässt. Mein Fazit: „Noch wach?“ ist für mich eines der wichtigsten deutschen Bücher der letzten Jahre. Benjamin von Stuckrad-Barre hat sprachliche Brillanz, gesellschaftliche Relevanz und persönlichen Mut zu einem Roman verschmolzen, der lange nachhallt. Wer wissen will, wie Macht in deutschen Medienkonzernen funktioniert, wie Schweigen produziert wird, wie aus alltäglichen Kleinigkeiten Strukturen werden, sollte dieses Buch lesen. Wer Stuckrad-Barre noch nicht kennt, sollte parallel auch „Panikherz“ auf die Liste setzen – beide gehören für mich zu den prägenden literarischen Werken der vergangenen Jahre. Empfehlenswert für alle, die sich für deutsche Gegenwartsliteratur und gesellschaftspolitische Themen interessieren. Für Leser:innen, die Bücher schätzen, die gleichzeitig literarisch und politisch sind, im Sinne von Juli Zeh, Jenny Erpenbeck oder Daniel Kehlmann. Auch eine wichtige Lektüre für alle, die in der Medienbranche arbeiten oder sich für strukturelle Machtdynamiken interessieren. Eher nichts für Leser:innen, die mit Themen wie sexualisierter Belästigung und Machtmissbrauch nicht umgehen können oder selbst entsprechende Erfahrungen gemacht haben und sich aktuell nicht damit konfrontieren wollen. Auch nichts für dich, wenn du Wohlfühl-Lektüre suchst – das Buch ist nicht düster im klassischen Sinne, aber ehrlich, schmerzhaft und konfrontierend.























































