Der Facettenreichtum der Wohlstandsverwahrlosung Helene Hegemann schreibt wie eine lethargische Jugendliche - und das ist auch gut so. Doch nicht immer sind ihre Erzählungen schlüssig, versuchen teilweise krampfhaft die Erzählstrukturen zu durchbrechen, dabei hat sie das gar nicht nötig. Gerade die kürzeren Erzählungen in der Mitte des Buches lassen einen so ratlos zurück, dass man eigentlich gar nicht weiß was man dazu sagen soll: ist das jetzt große Kunst? hab ich das einfach nicht verstanden, bin ich zu dumm dazu? Ich sage: mitnichten. Helene Hegemann zeichnet hier nur die Absurditäten des Lebens einer Elite nach, der sie selbst angehört: Kinder aus Akademikerfamilien, die mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen & sich deswegen auf Sex- und Drogenpartys in Russland bewegen oder sich einer Kommune anschließen & trotzdem schwerwiegende und unlösbare Konflikte mit sich selbst und ihrer Herkunft rumtragen. Das alles könnte wahnsinnig traurig und deprimierend, jedoch auch komisch sein & in manchen Fällen ist es das tatsächlich auch. Ganz oft jedoch schaffen es die kurzen Erzählungen nicht diese tragischen und doch komischen Figuren richtig nachzuzeichnen, zu verwirrend sind oft die Dialoge und die abrupt endenden Stories, als ob es da einfach nichts interessantes zu Erzählen gab, man es aber zu spät gemerkt hat und deswegen trotzdem irgendwie eine Story hingebastelt hat. Und trotzdem - etwas haben viele der Stories an sich, dass ich sagen muss: exzellent geschriebene Passagen, tiefe Einblicke in das Seelenleben anderer und manchmal wirklich skurrile und tragikomische Momente gut getroffen und in Szene gesetzt. Helene Hegemann ist nicht mehr die Jugendliche, die uns mit Axolotl Roadkill ein aufsehenerregendes und gleichzeitig wirklich gutes Debüt geschenkt hat. Dennoch schreibt sie noch so & das ist gut so. Jedoch - und das ist die Krux, auch ihres zweiten Romans „Jage zwei Tiger“ gewesen - sie versucht ihre Stories mit großer Gesellschaftskritik aufzuladen, schafft es im gewissen Maße auch aber scheitert zu oft an zu kurz gedachten Handlungssträngen, die in eine Leere ohne Pointe führt. Vielleicht ist das aber auch ihr Sinn? So pointenlos ist das Leben für viele der gezeigten Charaktere tatsächlich. Allerdings läuft es allzuoft genau darauf hinaus und erscheint so prätentiös, gerade weil die Figuren alle abgefuckt und wahnsinnig lethargisch sind. Wenn jedoch alle so sind und sich die Erzählmuster auch ständig wiederholen, habe ich das Gefühl in einer Endlosschleife der Pointenlosigkeit gefangen zu sein, die darauf aus ist mich zum nachdenken zu bewegen, obwohl ich manchmal gar nicht weiß, über was ich da jetzt konkret nachdenken soll. Und das ist wirklich schade, eben weil Helene Hegemann so wahnsinnig talentiert ist und sie sich immer noch so jugendlich frisch in ihrem Stil hält (zumindest was einen viele Passagen im gesamten Buch angeht). Alle meine Hoffnungen ruhen bis dahin aber auf ihrem nächsten Buch, bis dahin les ich einfach nochmal Axolotl Roadkill.
31. MaiMay 31, 2024
Schlachtenseeby Helene HegemannKiepenheuer & Witsch
