
Ein Tagebuch aus der Stadt des ersten Lockdowns đŠ đđ«
In âWuhan Diaryâ dokumentiert die bekannte chinesische Autorin Fang Fang die ersten Wochen und Monate des harten Lockdowns in Wuhan â dem Epizentrum der Covid-19-Pandemie. Ab dem 25. Januar 2020, nur zwei Tage nach der historischen Abriegelung der 9-Millionen-Stadt, beginnt sie, online Tagebuch zu fĂŒhren. In 60 sehr persönlichen EintrĂ€gen schreibt sie ĂŒber ihre Gedanken, Ăngste und Beobachtungen: ĂŒber die Hilflosigkeit der Menschen, die panische Stimmung der ersten Tage, das Leid in den ĂŒberfĂŒllten KrankenhĂ€usern und den Mut der freiwilligen Helfer. Gleichzeitig dokumentiert sie scharf, wie Behörden versuchten, Informationen zu vertuschen, wie warnende Stimmen zum Schweigen gebracht wurden â und wie ihre eigenen Texte stĂ€ndig gelöscht oder zensiert wurden. Ihr Blog wurde so zu einer der wenigen unabhĂ€ngigen Stimmen aus der abgeriegelten Stadt und erreichte Millionen Leser in China, bevor er mehrfach gesperrt wurde. Was mich an diesem Buch besonders fasziniert hat, ist der direkte Einblick in eine fĂŒr mich völlig fremde LebensrealitĂ€t: Fang Fang beschreibt ein China, das voller WidersprĂŒche steckt â zwischen SolidaritĂ€t unter Nachbarn und brutal durchgesetzter Staatskontrolle, zwischen heldenhaften Ărzten und starren Parteistrukturen. Spannend fand ich auch, wie stark Fang Fang in ein soziales Netz eingebunden ist: Sie fĂŒhrt tĂ€glich zahlreiche Telefonate mit Freunden, Bekannten und ehemaligen Kollegen, bekommt Informationen direkt aus den Kliniken und berichtet von Ereignissen, die fĂŒr den DurchschnittsbĂŒrger wahrscheinlich gar nicht sichtbar waren. Gleichzeitig macht das ihre Perspektive aber sehr speziell: Sie gehört eindeutig zur Oberschicht, ist gebildet, gut vernetzt, hat viele Kontakte â was ihr Tagebuch vielleicht weniger zu einem Spiegel des âDurchschnitts-Wuhanersâ als eher zu einem Einblick in ihre persönliche Bubble macht. Dabei fand ich manche ihrer Haltungen durchaus ĂŒberraschend: Einerseits Ă€uĂert sie scharfe Kritik an der chinesischen StaatsfĂŒhrung und fordert AufklĂ€rung und VerantwortungsĂŒbernahme â fĂŒr chinesische VerhĂ€ltnisse sehr mutig. Andererseits bekennt sie sich immer wieder als UnterstĂŒtzerin der staatlichen MaĂnahmen, selbst wenn diese rigide ausfallen. Diese Ambivalenz ist interessant, erschwert es mir aber auch, ihre Position eindeutig einzuordnen. Am Ende des Tages ist sie eben doch in China sozialisiert worden und ich in Deutschland. Man kennt die eigene Kultur und ist mit ihr vertraut, wĂ€hrend andere Kulturen (völlig wertfrei) erstmal als âandersâ wahrgenommen werden. Inhaltlich war das Buch fĂŒr mich absolut bereichernd â aber stilistisch leider oft anstrengend. Fang Fang schreibt ohne groĂen literarischen Anspruch, sehr sprunghaft, hĂ€ufig repetitiv (jeder einzelne Tag startet mit der Schilderung des Wetters). Das ist sicher der AuthentizitĂ€t eines Tagebuchs geschuldet, macht es aber schwer, ĂŒber lĂ€ngere Passagen konzentriert dabei zu bleiben. Die holprige Ăbersetzung verstĂ€rkt diesen Eindruck zusĂ€tzlich: Viele chinesische Sprichwörter wirken im Deutschen eher befremdlich als stimmungsvoll (âBerichte darĂŒber sind so zahlreich wie die Haare an einem Kuhschwanzâ; âDer TodesdĂ€mon eilt stĂ€ndig zwischen uns herâ) und bremsen den Lesefluss. Ich hatte immer wieder das GefĂŒhl, dass die Emotionen Fang Fangs sehr nahbar sind, ihre Gedanken aber nicht immer strukturiert dargelegt werden. Manche EintrĂ€ge wirken wie unzusammenhĂ€ngende Gedankenschnipsel, die eher Momentaufnahmen als kohĂ€rente ErzĂ€hlungen bieten. Trotz dieser SchwĂ€chen ist âWuhan Diaryâ ein wertvolles Dokument: Es zeigt ungeschönt, wie sich Menschen in einer Ausnahmesituation fĂŒhlen, gibt einen Einblick in chinesische LebensrealitĂ€ten und erzĂ€hlt vom Mut, in einem Land zu schreiben, in dem Kritik lebensgefĂ€hrlich sein kann. Doch als Buch ist es kein Pageturner â eher eine Sammlung aufrĂŒttelnder EintrĂ€ge, die in ihrer Dichte und Direktheit erschlagen können. Fazit: Ein aufrĂŒttelndes Zeitdokument voller Mut, Wut und Menschlichkeit, das den Blick auf die ersten Wochen der Pandemie erweitert. Gleichzeitig stilistisch sperrig, mit Wiederholungen und teils schwer zugĂ€nglicher Sprache â und gerade deshalb eher interessant fĂŒr Leser, die sich intensiv mit China und den AnfĂ€ngen der Pandemie auseinandersetzen wollen. FĂŒr mich ein wichtiges, aber nicht unbedingt packendes Buch. âïžâïžâïž







