
Zu Besuch an König Artus Hof
Veras Leben ist ganz normal – um nicht zu sagen langweilig. Sie ist Anfang zwanzig und arbeitet im B&B ihrer Eltern, als ein seltsamer Fremder auftaucht und behauptet, niemand anderes als der Zauberer Merlin höchstpersönlich zu sein. Doch damit beginnen die Merkwürdigkeiten gerade erst: Vera soll nämlich niemand anderes als Königin Guinevere sein und nun in ihre eigene Zeit zurückkehren. Natürlich glaubt sie ihm kein Wort, doch die Existenz von Magie kann sie in seiner Gegenwart nicht leugnen und so macht sie sich zweifelnd auf ins sechste Jahrhundert, um an der Seite von König Artus und den Rittern der Tafelrunde das mittelalterliche England zu retten… Paula Lafferty entführt den abenteuer- und zeitreiselustigen Leser im Auftakt ihrer „Die Leben der Guinevere“-Reihe mitten ins Reich der Mythen und Legenden, hinein in die Herrschaft des sagenumwobenen Königs Artus (oder Arthur, je nach dem, welche Übersetzung man fragt). Diese Welt lernen wir durch die Augen der Protagonistin Vera kennen, die mehr als einmal an ihrem Verstand zweifeln darf und stellenweise etwas blass wirkt, einfach weil wir zu Beginn nur wenig über sie erfahren. Stattdessen hat sie viel Raum dazu, sich zu entwickeln. Manchmal sind ihre Reaktionen trotzdem eher fragwürdig denn: Dafür, dass die Geschichte, die Merlin ihr erzählt, so unwahrscheinlich ist, willigt sie aber tatsächlich sehr schnell ein, ihm zu glauben und zu folgen. Generell ist die Prämisse des Buches etwas seltsam, aber das kann man möglicherweise zugunsten der restlichen Handlung ausblenden. Diese nimmt sich dann mehr als genug Zeit, um dem Leser und der ahnungslosen Protagonistin ihr neues Zuhause zu zeigen und alles Wissenswerte näher zu bringen. Das Buch hat über sechshundert Seiten und die Handlung entwickelt sich bestenfalls langsam. Tatsächlich passt das aber sogar gut zur Geschichte. Vera muss nämlich an die verborgenen Erinnerungen Guineveres herankommen, um einen mächtigen Fluch aufzudecken, der ganz Britannien bedroht und sie fast das Leben gekostet hat. Zusätzlich dazu muss sie das Leben bei Hofe meistern, ohne die Sitten und Gebräuche zu kennen und dann ist da natürlich noch Arthur, der ja immerhin ihr Ehemann ist, der aber bestenfalls zweifelhafte Gefühle in ihr weckt. Es ist natürlich absehbar, dass dieses Buch eine sehr zentrale Liebesgeschichte beinhaltet. Das steht groß draußen drauf und man bekommt hier auch genau das, was man erwartet. Da das Buch aber recht lang ist, haben die Protagonisten Zeit, aufeinander zuzugehen, sodass ihre Annäherung wenig gekünstelt und kaum übertrieben wirkt – die Autorin hat ihre Idee gut umgesetzt. Auch wenn sie an manchen Stellen ein bisschen viel des Dramas eingebaut hat. Vieles in dieser Geschichte stimmt mit der klassischen Artussage überein, manches hat die Autorin aber auch abgeändert und neu erzählt, sodass man beim Lesen nicht schon vorher weiß, was den Charakteren über kurz oder lang zustoßen wird. Im Gegenteil: Es ist im Detail eher schwer abzuschätzen, wohin die Reise dieser Geschichte gehen soll. Es gibt weit mehr als einen zentralen Konflikt, dazu noch die problembelastete Liebesgeschichte und Intrigen ohne Ende. All das braucht eben bloß eine ganze Weile, um sich zu entfalten. Das Buch lebt von seiner Liebe zu Details, von liebenswerten Nebencharakteren, die den eigentlichen Protagonisten manchmal beinahe die Show stehlen, manchmal auch von einer Prise Humor, aber vor allem von seiner anheimelnden Atmosphäre. Wer aber rasende (Zeitreise-)Action, Kämpfe und entfesselte Magie erwartet, der wird eher enttäuscht werden, manchmal fühlt sich das Buch nämlich beinahe schon wie Cosy Fantasy an. Es bleibt abzuwarten, ob sich das in den folgenden Bänden der Reihe relativiert oder einfach der Stil der Autorin ist. Es ist also ein wenig Geduld für die Lektüre mitzubringen, auch wenn das Buch per se nicht langweilig ist, so liegt der Fokus eben doch eher darauf, Geheimnisse in Ruhe zu ergründen und natürlich auch darauf, der Beziehung der Protagonisten und dem langsamen Erwachen von Guineveres Erinnerungen Raum zu geben. Das Buch ist also genau das, was es verspricht: eine liebevoll gestaltete historische Fantasy Romance voller Mythen und Magie. Einen ganz anderen Kritikpunkt muss ich nun auch noch loswerden: Die Übersetzung dieses Buches kann manchmal ganz schön aus dem Lesefluss reißen. Stellenweise ist sie holprig und vom Satzbau her unausgereift, so als hätte man nur die Worte übersetzt und sie in der Reihenfolge ihres englischen Satzes stehen gelassen. Daraus werden im Deutschen natürlich bestenfalls fragwürdige Konstruktionen. Schade, das hätte man besser machen können. Dafür kann das Buch selbst natürlich nichts, darum: Wer eher ruhige, romantisch angehauchte Fantasy, Mittelaltergeschichten oder die Artuslegende mag, der wird vielleicht Freude an dieser Reise haben. Nun bleibt zu hoffen, dass der Verlag das Projekt nicht fallen lässt, wie eine heiße Kartoffel (wie es ja leider immer häufiger mal passiert), sodass wir, wenn es so weit ist, die Reise an Veras Seite fortsetzen können.








