Weniger wäre mehr gewesen
Wer nach russischer Folklore, einem düsteren Setting, Märchen, Gut gegen Böse und einem starken weiblichen Hauptcharakter sucht, wird hier fündig. Aber … there‘s a lot to unpack. Die Geschichte spielt im mittelalterlichen Russland, weit draußen auf dem Dorf, weg von den Städten. Die Menschen erzählen sich Geschichten und glauben teils noch an heidnische Gottheiten. Die Winter sind hart und die Familien eng miteinander. Frauen - Mädchen - erfüllen ihren Zweck,  jung heiraten und Kinder gebären; alternativ gehen sie ins Kloster. Das Los der Frauen, wie stets betont wird. Die Protagonistin Wasja passt nicht in dieses Bild. Sie kann die Kreaturen und Gestalten sehen, ist wild und will nicht heiraten. Das zentrale Element ist die Religion - durch die Ankunft des Predigers Konstantin verändern sich Dinge im Dorf. Die Menschen sollen bekehrt werden. Sie glauben nicht mehr an die Geschichten und Wasja, die die Gabe des Sehens hat, wird als Hexe deklariert. Die Religion und ihr Vertreter werden hier als böse geframed, denn nur, wer Angst hat und Buße tut und nur an einen Gott glaubt, entgeht dem Feuer. Je mehr Angst die Dörfler haben, je verzweifelter sie sind, desto härter werden die Winter und desto schneller erwacht der Bösewicht des Buches - der Bär. Obwohl sicherlich im Mittelalter angemessen, fand ich es schwierig, wie gezwungen männliche und deutlich zu alte Protagonisten auf die minderjährige Wasja fixiert waren. Sicher, die Darstellung als Hexe und Verführerin passt in das Setting, aber drei Mal innerhalb einer Geschichte ist zu viel. Wenngleich einer dieser Männer zumindest nicht aus tückischer Absicht handelte, aber ich werde hier nicht genauer ins Detail gehen, um nicht noch mehr zu spoilern. Der Autorin ist es gut gelungen, die Märchen und die Sagen in die Geschichte einzuweben, die Kreaturen treffend zu beschreiben und auch die Geschichte von Morosko aufzunehmen. Die vielen russischen Begriffe und Namen, die der Authentizität dienen sollen, wirkten auf mich sehr gezwungen, als müsste um jeden Preis jedes russische Wort in die Geschichte eingebaut werden.  Dies könnte allerdings auch subjektiv gefärbt sein, da russisch meine Erstsprache ist. Innerhalb des Buches wechselt die Perspektive, besonders am Anfang, sehr häufig. Die Hälfte der Perspektiven wäre nicht nötig gewesen, denn sie bringen die Geschichte nicht voran und werden im Verlauf nicht mehr wichtig sein. Im ersten Drittel passiert wenig trotz vieler Seiten, wodurch die Geschichte unnötige Längen bekommt. Wenn man diese Durststrecke geschafft hat, ohne das Buch abzubrechen, wird es im zweiten Teil spannender, weil die Handlung Fahrt aufnimmt und endlich etwas passiert. Hier lernen wir die Protagonistin richtig kennen und kommen in den Genuss, die düsteren Seiten der Folklore zu sehen, mit Gewalt und Mordlust. Gerade an diesen Stellen wäre eine detailliertere Beschreibung und eine längere Erzählung interessant gewesen.  Mein persönliches Problem mit dem Buch ist die Schreibweise der Autorin. Diese fand ich in erster Linie anstrengend. Es wirkt so, als würde sie nur beschreiben. Die Erzählung aus der dritten Person mit vielen Hauptsätzen wirkt kühl und distanziert. Es erzeugt den Eindruck, dass nichts passiert, bis man plötzlich feststellt, dass etwas Wichtiges vor sich geht - dann ist die Szene direkt wieder vorbei. Habe mich oft dabei ertappt, die kurzen Passagen noch einmal zu lesen, weil etwas fehlte. Insgesamt eine tolle Idee für ein Buch und ein netter Auftakt für eine Trilogie. Ich hoffe, dass sich der Plot in den anderen beiden Teilen schneller entwickelt und die Autorin nicht so viel vom Potential liegen lässt wie im ersten Buch.


























































