
Eine Abrechnung mit gesellschaftlichen Erwartungen an Identität und Authentizität
Muss ein Autor über die Lebenswelt seiner „eigenen“ Ethnie schreiben? Gibt es diese überhaupt? Percival Everett setzt sich in seinem Roman mit gesellschaftlichen Erwartungen an Afroamerikanern auseinander und beleuchtet Fragen von Identität und Authentizität. Thelonius ‚Monk‘ Ellison ist ein gebildeter, aber unerfolgreicher Autor. Er schreibt über europäische Klassiker, die er als seine Lebenswelt betrachtet – aufgewachsen in einen wohlhabenden Elternhaus. Das Problem: Alle seine Werke werden immer im Kontext seiner Hautfarbe eingeordnet. Als dann das stereotype Buch „Ghettoleben“ herauskommt, in dem die Protagonist:innen allesamt POC und ungebildet sind, schreibt Monk aus Frust ebenso ein solches Buch. Über 80 scheußliche Seiten lesen wir einen Auszug aus dem Werk, in denen das N-Wort massiv verwendet wird, sexuelle Handlungen dargestellt werden und Gewalt und Slang das Leben bestimmen. Anonym publiziert Monk sein Buch – und es wird ein Erfolg. Doch ist Monk als Jury-Mitglied eines renommierten Buchpreises damit konfrontiert, dass dieses Buch auf der Shortlist landet. Die anderen Juror:innen sind begeistert: „Dieser Roman muss unter seinen eigenen Bedingungen betrachtet werden; das is’n schwarzes Ding.“ (S. 340) Everett bereitet ein spannendes Fundament über die Frage, worüber geschrieben werden darf und welche Rolle Identität spielt – ähnlich wie Kuangs „Yellowface“. Leider beschränkt sich Everett vor allem auf die subjektive Abscheu des Protagonisten, der zu sehr im Selbstmitleid badet. Ein kritischer Blick auf das Verlagssystem, Hypekurven und Cancel Culture erfolgt nicht. Stattdessen schweift der Text zu oft ab und ist ein Mosaik aus literarischen Zitaten, Exkursen zu Monks Holzarbeit (ein Symbol für einen Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen) und zu seinen anderen Werken. Auch spielt die Familiengeschichte eine große Rolle. Zwar ist es durchaus interessant zu verfolgen, wie Monks Identität immer stärker ausradiert wird (besonders eindrücklich am Beispiel seiner an Alzheimer erkrankten Mutter). Doch als Leser:in verliert man dabei zu sehr den roten Faden. Man muss berücksichtigen, dass das Buch bereits 2001 geschrieben wurde und in der heutigen Zeit kraftvoller gewesen wäre. So bleibt das Buch eher eine persönliche (vielleicht autofiktionale?) Abrechnung mit der Autor:innenwelt, ohne die Mechanismen dahinter zu beleuchten. Die oscarprämierte Verfilmung, American Fiction, macht da einiges besser.



