Insgesamt hatte ich mir deutlich mehr von diesem Buch erhofft. Die biographische Perspektive der Autorin ist sehr spannend und informativ, ebenso wie ihr Fokus auf ostdeutsche Lebensrealitäten vor und nach der Wende. Allerdings bleiben ihre Analysen oft zu sehr an der Oberfläche. Vielen ihrer Aussagen konnte ich inhaltlich nicht zustimmen, dennoch war es natürlich spannend, ihre Perspektive zu lesen. Außerdem wünschte ich mir, sie wäre früher im Buch darauf eingegangen, dass es "den Feminismus" nicht gibt, und es schon immer unterschiedliche Strömungen feministischer Theorie und Praxis gegeben hat, die sich auch mit der Lebensrealitäten von Arbeiterinnen befasst haben. Ihren Punkt zur Sprache kann ich nur teilweise teilen, denn natürlich schafft Sprache allein nicht Wirklichkeit, aber sie trägt immens dazu bei. Darüber hinaus lässt sie es im ersten Teil des Buches lange so wirken, als hätten Frauen in der DDR nicht mit einer Doppelrolle aus Erwerbs- und Care-Arbeit gelebt. Ihre Analyse der Geschlechterverhältnisse,die sich dann aus dem System der DDR sowie Ostdeutschland nach der Wende ergeben haben, ist mir insgesamt zu verkürzt gewesen.
„Herkunft ist kein Ort, an dem wir wurzeln, sondern eine Art Reisegepäck.“
Was wie ein Roman über einen Tag im Leben einer ostdeutschen, prekär lebenden Mutter beginnt, ist in Wahrheit ein Essay. Ein klug gebauter, politischer Text über die Arbeiterklasse und über die Rolle der Frau darin. Konkret: Die Rolle der Mutter der Autorin. Hobrack macht aus jeder Erinnerung eine präzise soziologische Analyse über Leistungsdruck, Armut, sozialer Abstieg und Klassenflucht, der sich immer anfühlen wird wie Verrat. Ich habe noch nie ein Buch gelesen, das so gekonnt Klassenfragen, Mutterschaft, Identitätspolitik, Feminismus und auch kommunistische Ideale miteinander verwebt ohne Theoriegewalt oder Belehrung. Alles kommt aus konkreten Situationen. Keine Behauptung bleibt leer, alles ist gespürt, durchlebt und klar beobachtet. „Klassenbeste“ erweitert den Klassenstandpunkt um die Perspektive einer ostdeutschen Frau aus der DDR. Deshalb ist dieses Buch so wichtig, so bereichernd und obendrein exzellent geschrieben.
Lädt zu Gesprächen der eigenen Herkunft, aber auch über die DDR mit anderen Menschen ein.



