In der Weimarer Republik war Gabriele Tergit eine gefragte Gerichtsreporterin. So gefragt, dass sie sich aussuchen konnte, von welchen Fällen sie berichtet. Was sie sich aussuchte war ein Querschnitt der Fälle, die vorm Moabiter Kriminalgericht verhandelt wurden - Ehestreitigkeiten, Betrugsfälle, Erpressungen. Einiges ist skurril und unterhaltsam, anderes bitterernst. Tergit schrieb diese Reportagen von 1925 bis 1933 für verschiedene Berliner Zeitungen. Unverkennbar ist, dass in dieser Zeit das politische und gesellschaftliche Thema kippt. Es finden sich immer mehr politisch motivierte Straftaten, die Grausamkeit und Härte in der Auseinandersetzung nimmt zu. Der Titel "Vom Frühling und von der Einsamkeit" lässt mehr Leichtigkeit und zarte Melancholie vermuten, als sich hier finden lässt. Dafür war auch vor hundert Jahren in der Prozessordnung nicht viel Raum. Früh erkennt die Autorin, dass das Gericht dazu neigt, Straftaten von rechts weniger ernst zu nehmen. Noch 1932 berichtet sie von einem Prozess, bei dem Hitler ein Auftritt bereitet wird, als sei er ein Filmstar. 1933 versucht die SA, in ihrer Wohnung einzubrechen und Tergit flüchtet samt Familie nach Jerusalem. Doch bis dahin hatte sie viel zu berichten, darunter auch mehrere kritische Texte über den Paragraphen 218, der ihrer Ansicht längst hätte abgeschafft werden müssen. Mit ihrer Meinung hält Tergit nicht hinterm Berg. Ihre Sympathie gilt den Kleinen, den Mädchen von der Straße und den Tagelöhnern, die die komplexe Sprache des Gerichts kaum verstehen und sich mit ihrer Auffassung von Recht und Moral um Kopf und Kragen reden.
24. Aug.Aug 24, 2025
Vom Frühling und von der Einsamkeitby Gabriele Tergitbtb
